Archiv für Juni 8th, 2009
Kapitel 3-08
Sie verfolgten ihren Gegner durch langgezogene, düstere Gänge, mit verriegelten Türen aus Stahl zu beiden Seiten, durch deren vergitterte Fenster ihnen seltsame Gestalten hinterher blickten; manche still und mit traurigen Augen, andere laut und flehend, oder, von der allgemeinen Aufregung angesteckt, unkontrolliert schreiend, gestikulierend und schimpfend.
Eric erinnerte sich unwillkürlich an Ferrets Worte, als sie mit der Droschke zum Asylum gefahren waren, und ihm schauderte, als er daran dachte, welch lange Zeit der dünne Mann an diesem elenden Ort verbringen musste.
Mr. Ferret hingegen dachte keinen Augenblick über diesen Ort nach.
Das hier oben war lediglich der Lärm und die übliche Verwirrung der Lebenden. Solange er nicht in den Keller musste, war alles in Ordnung. Was den dünnen Mann viel mehr beschäftigte, war die Kreatur, die ihn soeben beinahe zerstört hatte. Es gab nicht mehr viele Wiedergänger, die als Modifizierte in der Stadt lebten und er war der Ansicht gewesen, dass er inzwischen jeden von ihnen kannte - oder doch zumindest schon gesehen hatte. Dieser aber gehörte nicht dazu. Abgesehen von den Augen war er selbst für einen anderen Wiedergänger kaum zu erkennen. Mr. Ferret war sich durchaus der Tatsache bewusst, dass er einer der besser erhaltenen seiner Art war - und auch er bestand im Grunde aus einem ausgetrockneten Körper, zusammengehalten und verstärkt von einem Geflecht aus Ausbesserungen und Nähten.
Der Unbekannte jedoch sah aus, wie das blühende Leben. Und doch, das hatte Mr. Ferret in ihrem ungleichen Kampf gemerkt, war er massiver gepanzert als der dünne Man selbst. Irgend jemand schien die Experimente seiner Vergangenheit wieder aufgegriffen zu haben. Und hatte sie seit damals deutlich verbessert.
Erst als es einen schmalen Treppenflur hinauf unter die Dachschrägen des gewaltigen Gebäudes ging, ließen die Männer langsam das Getöse der Verdammten hinter sich, die hinter diesen dicken Mauern vor den Augen der Gesellschaft verborgen gehalten wurden.
Schließlich langten sie am obersten Treppenabsatz an und betraten kahle Räume, die direkt unter dem Dach als Lagerplätze für ausrangierte Möbel zu dienen schienen - und für monströse Gerätschaften, die wie die Sammlung eines Museums für Foltergeschichte wirkten.
„Warten Sie“, rief Dr. Sartorius ihnen atemlos hinterher. „Das hier ist der einzige Zugang zum Dachstuhl. Von hier oben kann niemand mehr entkommen. Lassen Sie uns diesen Zugang bewachen und auf das Wachpersonal warten.“
Eric schaute unschlüssig in das düstere Zwielicht und dann auf Ferret. „Was meinen Sie?“ fragte er den dünnen Mann.
Ferret starrte in den düsteren Dachstuhl und dann auf die Splitter der mächtigen Eichentür zu ihren Füßen.
“Sir, ich fürchte, er wird einen Weg finden, aus diesem Dachstuhl zu entkommen, wenn wir ihm die Zeit geben. Zur Not schafft er sich einen.”
Eric folgte seinem Blick auf die Reste der Tür. “Da dürften Sie recht haben, Mr. Ferret.” bestätigte er schließlich.
“Unmöglich!” keuchte Sartorius. “Die Decken sind von unten verstärkt, damit unsere Insassen gar nicht erst auf dumme Ideen kommen und wo sollte er sonst hin? Es gibt von diesem Dachboden aus keine Verbindung zu irgend einem der anderen Gebäudeteile. Der Kerl sitzt in der Falle.”
Im selben Augenblick ertönte weiter vorn ein Klirren und das Geräusch von zu Boden fallendem Glas. Mr. Ferret warf dem Arzt einen Blick zu. “Tatsächlich”, stellte er trocken fest. Eric fluchte und rannte los.
Sie brauchten nicht lange, um zu entdecken, welchen Weg der Wiedergänger genommen hatte.
Zwei staubige Dachbodenräume weiter lag glitzerndes Glas auf dem Boden und Staubflocken tanzten in einem schmalen Schaft schräg einfallenden Lichts.
Ihr Gegner hatte die Scheiben eines schmalen Dachfensters eingeschlagen, das Gitter davor herausgerissen und sich an einer rostigen Regenrinne hinunter gehangelt bis er durch einen gewagten Sprung das Dach des nur wenige Schritte entfernten, kleineren Nachbarflügels erreichen konnte. Nun bewegte er sich mit schnellen Schritten über das nasse Kupfer auf das gegenüber liegende Ende des Daches zu.
Eric schaute einen Moment besorgt durch das Fenster in die Tiefe und nahm schließlich die Verfolgung auf. In der einen Hand das Scheuerpulver, zog er sich mit der anderen vorsichtig durch die Öffnung und begann, ebenfalls die Regenrinne hinunter zu klettern. Nach einigen Metern stieß er sich ab und landete trotz seines schmerzenden Beines sicher auf dem Nachbargebäude.
„Kommen Sie, Mr. Ferret!“ rief er über die Schulter zurück und hastete sogleich dem Mörder hinterher.
Mr. Ferret starrte aus dem Fenster auf das abschüssige Dach und die nahe Regenrinne.
Dann zwinkerte er nervös. Zweimal. Dreimal. “Ich… ja, Sir”, sagte er leise, jedoch ohne große Überzeugungskraft. Er trat bis an die Öffnung und umklammerte den geborstenen Rahmen. Nur einem halben Meter weiter endete die Dachrinne - und dahinter bot sich eine beeindruckende Aussicht auf die Dächer der Stadt, die sich von hier aus den Hügel hinab bis zum Hafen zogen.
Vor allem aber bot sich eine beeindruckende Aussicht auf reichlich leeren Raum, bis hinab zu den Dächern der nächststehenden Gebäude, die gut acht bis zehn Meter tiefer lagen und von Nebel und leichtem Nieselregen feucht glänzten. Dass zwischen diesen und dem Asylum eine breite, gepflasterte Straße lag, war von hier aus nicht zu erkennen. Nichtsdestotrotz war sich Mr. Ferret über ihre Anwesenheit aufs Eindringlichste bewusst.
“Das ist doch Wahnsinn!” rief Doktor Sartorius aus dem Dachboden und der Wiedergänger war nur zu geneigt, ihm in diesem Punkt zuzustimmen.
“Jetzt kommen Sie schon, Mr. Ferret!” wiederholte Eric und eilte rutschend über das nasse Kupferdach dorthin, wo der Flüchtige gerade zwischen drei hoch aufragenden Schornsteinen verschwand. “Er entkommt uns sonst!”
Mr. Ferret zwinkerte noch ein viertes Mal. Dann fluchte er leise und zog sich vorsichtig hinaus auf’s Dach.
Tags: Coleman-Asylum, Dr. Sartorius, Eric, Mr. Ferret, Van Valen

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