Abermals krachte Mr. Ferrets Schädel mit mörderischer Wucht in die Wand.
Putz, Mörtel und Fliesenscherben prasselten auf den gekachelten Gangboden und flogen Eric und dem Arzt zischend um die Ohren.

Nur ziemlich gedämpft drang Mr. Ferrets Grunzen durch die Finger des Pflegers in seinem Gesicht.
Als er wieder aus dem Loch in der Wand gezogen wurde, um neuen Schwung zu holen, rammte er seinem größeren Gegner beide Fäuste mit Wucht in den Solar Plexus. Was etwa das selbe Geräusch verursachte, wie sein Hinterkopf, der nur einen Augenblick später wiederum in die Wand gedroschen wurde.
Ansonsten war die Wirkung allerdings eher unspektakulär. Abgesehen davon, dass seine Gegenwehr den Pfleger dazu brachte, ihm seinerseits die Faust in die Brust zu rammen.
Dieses Mal klang es metallisch, als die Knöchel seines Gegners von der gepanzerten Brust abrutschten. Die Knöpfe seines Hemdes spritzen in alle Richtungen davon.
Für einen winzigen Moment hielt der Pfleger inne. Er legte den Kopf schief und musterte die frei liegenden Messingplatten mit so etwas wie Verblüffung. Mr. Ferret nutzte die Pause, um seinerseits nach dem Gesicht des Anderen zu zielen.
Mit mörderischer Gewalt traf seine Faust das Jochbein des Pflegers. Etwas knirschte und in einer schnellen Bewegung drückte Ferret mit dem Daumen zu. Mit einem saugenden Geräusch löste sich das schwarze Auge aus seiner Höhle und fiel mit dumpfem Pochen auf den Boden.
“Ahh”, nuschelte Mr. Ferret zufrieden hinter der Hand hervor. “Dn Fhlr gbts mmer nch.”
Der Pfleger knurrte gereizt und schlug Ferrets Hand beiseite, ohne sich um den langen Streifen Haut zu scheren, den dessen Finger abrissen. Dann krachte der Schädel des dünnen Mannes wieder in die zersprungenen Fliesen der Gangwand und die Faust traf abermals dröhnend auf seinen Brustkorb.

Eric konnte dem ungleichen Kampf nur hilflos zuschauen. Verzweifelt schaute er sich nach einer geeigneten Waffe um, mit der er Ferret helfen konnte. Aber in diesem verdammten Gebäude war alles weggeräumt, was eine Gefahr für Insassen oder Pfleger bedeuten konnte – genau das, was er in diesem Moment eigentlich gebraucht hätte.
Schließlich blieb sein Blick auf einem metallenen Rollwagen hängen, der mit Putz-Utensilien beladen war. Wahllos griff er nach einer Scheuerbürste und warf sie dem Mann an den Kopf. Doch der reagierte nicht einmal darauf. Mit unverminderter Härte und beinahe uhrwerkhafter Gleichmäßigkeit schlug seine Faust weiter auf Ferret ein. Erst als eine Kehrschaufel und kurz darauf ein halb gefüllter Wassereimer gegen seinen Schädel prallten, hielt er inne und drehte knurrend den Kopf, um sich dem lästigen Ärgernis zuzuwenden.

Als er den hasserfüllten Blick aus dem verbliebenen, tiefschwarzen Auge sah, ließ Eric die halb erhobene Hand mit der Packung Scheuerpulver schnell wieder sinken und brachte sich hinter dem Rollwagen in Sicherheit. Doch das hielt den Mann nur so lange auf, wie er brauchte, um das Gefährt mit einer einzigen Armbewegung zur Seite zu schleudern. Die Besen, Bürsten und Behälter flogen in wildem Durcheinander über den Boden und der junge Mann wäre sicherlich zu Boden gestürzt, wenn sein Gegner ihn nicht mit einer blitzschnellen Bewegung am Revers gepackt hätte. Mit müheloser Leichtigkeit hob er den hilflosen Agenten in die Höhe und fixierte ihn mit ausgestrecktem Arm an der nächsten Wand. Instinktiv und ohne nachzudenken, kippte ihm Eric die Packung mit dem Scheuerpulver, die er immer noch in der Hand hielt, mitten ins Gesicht.

Die Wirkung war mehr als überraschend. Mit einem beinahe unirdischem Jaulen ließ der Mann ihn und Ferret fallen und schlug sich die Hände vors Gesicht. Brüllend taumelte er rückwärts und wandte sich stolpernd zur Flucht.

“Interessante Wahl der Waffen, Sir”, bemerkte Mr. Ferret mit Bewunderung und kippte nach vorn, um mit der Stirn auf den Boden aufzuschlagen.
“Au”, stellte er pflichtschuldigst fest.
Und zum ersten Mal konnte Eric einen Blick auf Mr. Ferrets unbedeckten Hinterkopf werfen.
Mühsam stemmte sich der dünne Mann hoch. Dann bemerkte er Erics Blick. “Massives Messing” bestätigte er trocken und wischte sich Putz und Fliesensplitter vom Kopf. “Wurde offensichtlich nicht in meine Nachfolgemodelle eingebaut. Sonst hätt er nicht versucht, die Wand mit meinem Kopf zu zerstören.” Er griff nach seinem herabgefallenen Bowler, rammte ihn sich zurück auf den Schädel und stand auf. Das gequälte Kreischen von verbogenem Eisen deutete darauf hin, dass der flüchtende Wiedergänger mit dem Gitter am anderen Ende des Ganges kurzen Prozess gemacht hatte.
“Wir sollten ihn besser verfolgen, Sir”, sagte Mr. Ferret und stellte Eric mit einem Ruck auf die Füße.

“Moment mal!” protestierte Dr. Sartorius hinter ihm. “Sie wollen dieser Kreatur doch wohl nicht nachlaufen und mich hier allein zurück lassen!”
Mr. Ferret musterte das runde, schwarze Auge auf dem Boden. Dann hob er es auf und ließ es in der Tasche seines Mantels verschwinden. Er wandte sich um und nickte den Doktor zu. “Sie dürfen sich uns anschließen, oder Mr. Van Valen?”
Die Augen des Arztes weiteten sich. Dann machte er einen Schritt rückwärts. “Sie wollen ihm folgen? Sie sind ja wahnsinnig, Ferret! Sie haben doch gesehen, was der mit ihnen macht! Wir müssen das Wachpersonal alarmieren”, rief er aufgebracht. “Das ist Sache für Profis!”

Eric sah zwischen Sartorius und Mr. Ferret hin und her. Weiter entfernt kreischte ein weiteres Gitter.
“Das ist eine vernünftige Idee, Sir”, stellte er dann fest. “Alarmieren Sie alles verfügbare Wachpersonal und riegeln Sie das Gebäude ab. Mein Kollege und ich…”, der junge Agent straffte die Schultern, “…folgen inzwischen diesem Mann.”

Mit einem abenteuerlustigen Glitzern in den Augen, das man vorher noch nie bei ihm gesehen hatte, hob er zwei weitere Packungen des Scheuerpulvers auf und nickte Ferret zu. “Mr. Ferret, kommen Sie? Wir haben einen Mörder zu fangen.”

Tags: , , , ,

Dieser Eintrag wurde geschrieben am Freitag, Juni 5th, 2009 um 00:01 in der Kategorie Kapitel 3. Reaktionen zu diesem Eintrag können Sie mit dem RSS 2.0 Feed verfolgen. Die Kommentare für diese Seite sind geschlossen.

8 Kommentare bisher

Trischa
 1 

“Als er den hasserfüllten Blick aus seinen tiefschwarzen Augen sah”

Hat er nicht gerade ein Auge verloren und somit nur noch eins?

Juni 5th, 2009 at 17:37
 2 

Bingo, Logikfehler entdeckt… :D

Übrigens… auch wenn es massives Messing ist, ist Messing glaube ich ein eher weichere Legierung, die sich bei der Behandlung wohl ein wenig verbogen hätte… Es sei denn es sind so anderthalb Zentimeter… aber passt dann noch großartig etwas dahinter? Naja, ich will ja nicht über die Menge des Gehirnschmalzes spekulieren ^^;

Ansonsten: Schöne Szene, hatte einiges zu lachen.

P.S.: Die Angaben sind ohne Gewähr und beziehen sich auf eine grobe Schätzung…

P.P.S.: Das nennt man also ein “güldenes Köpfchen” :D

Juni 5th, 2009 at 21:07
 3 

Danke, Trischa. du hast natürlich recht. Und der Fehler stammt nicht von Stephan, sondern von mir, da ich dem anderen Widergänger sein Auge erst genommen habe, als Stephan Erics Aktionen schon geschrieben hatte. Das hätte ich also anpassen müssen. Das korrigiere ich jetzt tatsächlich noch.

Was das Messing angeht, Nico - jein.
Prinzipiell hast du recht: Messing ist in der Regel weicher als Bronze. Aber: Das gilt nicht für alle Legierungen. Nimm dir zum Beispiel mal ein 50 Cent-Stück und versuche, es zu verbiegen. Das ist eine Messing-Legierung der harten Sorte, genannt “Norwegisches Gold”.
Die Vorteile von Messing bei Verwendungen wie bei Mr. Ferret sind einfach: Korrosionsbeständigkeit, fehlender Magnetismus und antiallergisch. Klassisches Chirurgenmetall vor der Erfindung von chirurgischem Stahl. Sicher ist es weich (und wer weiß so genau, ob Mr. Ferrets Kopf jetzt nicht ein paar Dellen aufweist) - aber es ist härter als Email-Fliesen, Putz und Backstein.
Tatsächlich hab ich da aber vorher auch eine Weile drüber nachgedacht. Prinzipiell eine gute Anmerkung. Aber jedes andere Material erschien mir in Hinblick auf Ferret unlogisch.

Ansonsten natürlich Danke für’s Lob! Schönes Wochenende allerseits.

Juni 5th, 2009 at 23:24
 4 

Naja, aber: Mein Versuch ein Mesingstück zu verbiegen gegenüber dem Einschlagen eines Kopfes in die Wand, so dass diese Splittert ist natürlich ein kleiner Unterschied…
Und wer weiß, ob sein Kopf nun ein paar Dellen aufweißt? Ihr natürlich!
Vorteil ist natürlich, dass es sich auch nur verbiegt und nicht reißt, da es doch recht elastisch ist…
Ich habe ja auch nicht gegen das Material selbst gemeckert, sondern nur gegen die fehlende Auswirkung dieser Tortur…

Ebenfalls schönes Wochenende!

Juni 6th, 2009 at 10:42
 5 

Ich werde sehn, dass ich das im Kopf behalte. Sozusagen.
So, wie ich das Auge im selben behalten muss.
Danke auf jeden Fall.

Juni 6th, 2009 at 13:48
 6 

Zitat: “Als er wieder aus dem Loch in der Wand gezogen wurde, um neuen Schwung zu holen, ”

… wer wurde gezogen, wer holte Schwung … ersteres erschließt sich mir noch, zweiteres zur Not auch, ist da aber IMHO etwas holprig.

Ich hätte glaub ich eher geschrieben: “Als der Pfleger ihn wieder aus dem Loch in der Wand zog um Schwung für eine neue Attacke zu holen …”

Juni 12th, 2009 at 22:29
 7 

Äh… jein.
Okay, ich gebe zu, da ist mir das Sprachexperiment wohl nicht geglückt. Tatsächlich ist die Formulierung so beabsichtigt: Mr. Ferret wurde aus der Wand gezogen, damit Mr. Ferret neuen Schwung holt und lustig ein weiteres Mal in der Wand einschlägt. Eine etwas abgewandelte Sichtweise, um einen ironischen Unterton zu erzeugen. Okay. ging wohl daneben. Touché. ;)

Juni 12th, 2009 at 23:18
 8 

Nene, ich finde das eigentlich gagig und gar nicht schlecht … ich überlege, wie man das anders formulieren könnte …
“Mr. Ferret wurde schwungvoll aus dem Loch in der Wand gezogen, um ebenso schwungvoll in einer weiteren Attacke erneut in die Wand gedroschen werden zu können … ”
*gehirnknoten*

Juni 12th, 2009 at 23:30

Die Kommentare sind geschlossen.