Pater Grand hatte es nicht für nötig gehalten, sich offiziell abzumelden. Erstens war Van Valen nicht bei Bewusstsein, und würde es so schnell auch nicht sein, und zweitens sah er einfach keine Veranlassung sich gegenüber Ferret erklären zu müssen. Geschweige denn sich recht zu fertigen. Außerdem musste er dringend aus der Kanalisation heraus.
Nachdem er eine kurze Unterredung mit Mr. Cummins, dem Leiter der Abteilung 2-E-1, geführt hatte, ließ er sich durch einen der Lederhäute zurück an die Oberfläche bringen.
Sein Anzug und auch er selbst stanken unerträglich nach fauligem Abwasser und verwesendem Tentakelschleim. Was er brauchte war ein heißes Bad und ein frischer Anzug. Selbst in seinem Rachen hatte sich ein übler Geschmack festgesetzt, der weggespült werden musste. Am besten so schnell wie möglich.

Nachdem sie alle aus dem Überlaufbecken gerettet worden waren, hatte er zu seinem Entsetzen festgestellt, dass ihm mehr abhanden gekommen war, als nur der Zylinder mit dem kleinen Okular. Fieberhaft hatte er seine Taschen abgesucht, aber das flache, silberne Fläschchen nicht finden können. Es musste beim Kampf mit Bettany, wie die Lederhäute den riesigen Polypen im Überlaufbecken 23 fast schon liebevoll genannt hatten, verloren gegangen sein. Viel zu langsam verrannen die Minuten in der Kammer der Lederhäute, bis er endlich die Gelegenheit fand, den Weg nach oben anzutreten.
Grands Hände zitterten. Kalter Schweiß sammelte sich in seinem Nacken und lief seinen Rücken hinab. Er konnte es schon fühlen, wie sich die Schwäche langsam und unerbittlich an ihn heran schlich. Auf kurz oder lang würde sie ihn packen und niederwerfen, es sei denn, er würde dagegen etwas unternehmen. Grand beschloss, das Bad einstweilen zu verschieben. Das musste jetzt warten. Viel wichtiger war, dass er nun das bekam, wonach sein Körper und sein Geist verlangten.

Rücksichtslos hielt er eine der vielen Pferdedroschken auf der Straße an und stieg ein. Der Kutscher protestierte, als er den verdreckten und stinkenden Fahrgast näher in Augenschein nahm und weigerte sich, Grand zu transportieren. Verständlicherweise, musste er doch anschließend den ganzen Innenraum reinigen, wollte er noch weitere Kundschaft am heutigen Tag bedienen. Der Geruch der Kanalisation haftete penetrant an allem, mit der er in Berührung kam.
Der Pater zückte die heilige Kokarde seiner Kirche und hielt es dem Mann wortlos unter die Nase. Dieser erbleichte, schlug schnell mit seinen Händen das Zeichen der Erlösung und schluckte jeden weiteren Protest herunter. Mit einem Vertreter der Kirche zur heiligen Erweckung wollte er es sich wahrlich nicht verscherzen.
Grand stieg in der Nähe des Etablissements aus, welches er erst am Vortag aufgesucht hatte. Die Bucklige Ratte. Dabei hatte er eigentlich vorgehabt, diesem Ort einige Zeit fernzubleiben, insbesondere nach dem Vorfall mit dem Betrunkenen. Aber so wie die Dinge standen, blieb ihm wohl keine andere Wahl. Er musste mit Gus sprechen, in mehr als nur einer Hinsicht.

Die wenigen Meter bis zum Eingang der Spelunke waren schnell zurückgelegt. Die gerümpften Nasen und die geringschätzigen Bemerkungen einiger weniger Spaziergänger, die in den Genuss seines besonderen Duftes kamen, ignorierte er. Sie waren jetzt unwichtig. Grand steuerte jedoch nicht direkt den Haupteingang an. Er wollte nicht mehr als unbedingt nötig gesehen – oder in seinem speziellen Fall gerochen – werden, daher schlüpfte er in einem passenden Moment in eine versteckte Seitengasse. Hier war das Licht deutlich gedämpfter, was wohl an den eng zusammenstehenden Häusern liegen mochte. Auch der Lärm der Straße, der sonst die Luft mit dem Geräusch der Droschken und Dampfkutschen erfüllte, verschwand beinahe vollständig. Friedliche Stille lag über der Gasse.

Glucksend schlug das dunkle Wasser des Potoma-Kanals gegen die Kaimauer mit dem steinernen Anleger, die den hinteren Abschluss der Spelunke bildete. Dort fand sich eine unscheinbare Holztür, der Lieferanteneingang, wie ihn Gus immer nannte. Grand öffnete sie, ohne vorab anzuklopfen oder sonst wie auf sich aufmerksam zu machen, und trat ein.
Gus arbeitete im hinteren Zimmer und bemerkte von seinem Gast zunächst einmal nichts. Der Wirt verstaute gerade die speziellen Waren in einer kleinen Geheimkammer. Waren, die man höchstens unter der Theke erhielt. Wenn überhaupt.
„Wenn du deinen Hintereingang nicht absicherst, werde ich dich wohl irgendwann mit eingeschlagenem Schädel vorfinden, Gus.“
Der Wirt stoppte mitten in der Bewegung. Dann legte er das Päckchen, das er soeben in einem der Regalböden unterbringen wollte, zurück auf den Stapel und antwortete, ohne sich umzudrehen.
„Mach dir darüber mal keine Sorgen, Sib. Selbst wenn mir dein Zutritt tatsächlich entgangen wäre, überriechen kann man dich nicht einmal auf hundert Meilen gegen den Wind.“
Schließlich wandte er dem Pater das Gesicht zu. Gus grinste über das ganze Gesicht.
„Ich hoffe, es ist in Ordnung, dass ich nicht näher an dich herantrete. Du siehst fürchterlich aus. Und stinkst zum Himmel. Hast du in einer Kloake gebadet?“
„Wie kommst du darauf? Gus, ich brauche Nachschub. Hast du etwas da?“

Der Wirt legte nachdenklich die Stirn in Falten. Einen Moment tat er so, als ob er nicht genau wüsste, was der Pater meinte.
„Ich glaube, du musst mir ein wenig auf die Sprünge helfen. Ich habe so viele Dinge in meinem reichhaltigen Angebot, da fällt es mir ab und zu schwer, die Wünsche jedes einzelnen meiner Kunden im Kopf zu behalten.“
„Hör mit dem Theater auf. Du weißt genau, was ich haben will“, reagierte Grand ungehalten. Er hatte jetzt definitiv keine Zeit für Gus’ dämliche Spielchen. Das Zittern hatte sich in den letzten Minuten deutlich verstärkt und es wurde allmählich dringend.
„Ich schaue nach, was ich für dich tun kann. Allerdings muss ich dir leider sagen, dass die Nachfrage nach dem Zeug deutlich gestiegen ist. Auch wenn du mir natürlich am Herzen liegst, kann ich es mir nicht leisten, alles zu verschenken. Die Zeiten sind schlecht und ich muss eine Frau und sieben Kinder durchbringen. Es wird also nicht billig diesmal.“
„Du hast keine Frau. Und auch keine sieben Kinder. Also erzähle mir nicht so einen Scheiß. Hast du es jetzt oder nicht?“
„Nur keine Hektik, mein Bester. Außerdem wäre es durchaus möglich, dass ich sieben Kinder hätte. Oder sogar noch mehr. Zu meinem Glück werden sie mir tatsächlich nie auf der Tasche liegen”, feixte Gus. “In Ordnung, Sib. Für dich halte ich doch immer etwas in der Hinterhand. Hier, fang.“
Mit einer flüssigen Bewegung warf ihm Gus ein kleines silbernes Fläschchen aus einer der Kisten zu. Es ähnelte dem des Paters, das nun auf dem Grund des Überlaufbeckens lag. Hastig drehte Grand den Verschluss auf und nahm einen tiefen Schluck. Noch während die smaragdgrüne Droge seine Kehle hinunter rann, setzte die scharfe und doch so beruhigende Wirkung des SMAP ein.

Tags: , , ,

Dieser Eintrag wurde geschrieben am Montag, Juni 1st, 2009 um 00:01 in der Kategorie Kapitel 3. Reaktionen zu diesem Eintrag können Sie mit dem RSS 2.0 Feed verfolgen. Die Kommentare für diese Seite sind geschlossen.

4 Kommentare bisher

 1 

aus, welches er erst am Vortrag aufgesucht hatte

- ich glaube, er hatte da nicht wirklich viel geredet…

einem passenden Moment in eine versteckte Seitengassen.

- was nun… Plural oder Singular?

der Theke erhielt. Wenn überhaupt.

- , wenn überhaupt. die beiden Wörter bilden keinen Satz.

Hmm… also, ich bin dafür, dass der Pater weniger SMAP nimmt und dafür mehr DHMO… :D

Juni 2nd, 2009 at 09:02
Stephan
 2 

Du weißt aber schon um die zahlreichen Nebenwirkungen von DHMO, Nico? Einem vorbelasteten Trinker und Drogensüchtigen wie dem Pater könnte so etwas glatt den Rest geben…

Juni 2nd, 2009 at 09:30
 3 

Man muss das zeug ja auch in Maßen genießen und nicht zuviel nehmen… :D

Juni 2nd, 2009 at 13:58
 4 

Als ob man damit aufhören könnte, wenn man erst einmal damit angefangen hat.

- wer mit DHMO nix anzufangen weiß sollte einfach mal Tante Google fragen -

zu den textlichen Hinweisen:
Danke dafür. Die überflüssigen Buchstaben fliegen natürlich raus.
“Wenn überhaupt” ist tatsächlich kein ganzer Satz. Kann meines Erachtens trotzdem so stehen bleiben oder unter Zwang mit einem Komma an den vorhergehenden richtigen Satz angebunden werden.
;)

Juni 2nd, 2009 at 17:35

Die Kommentare sind geschlossen.