Nur wenig später saßen Eric und Mr. Ferret in einer Mietdroschke, die sie zum Coleman-Asylum bringen sollte.
Das Innere des Fahrzeuges war muffig und roch durchdringend nach nassem Pferd und erbrochenem Bier. Und obwohl Eric sich ausgiebig gewaschen hatte und auch seine Kleidung gründlich gereinigt und gebügelt worden war, konnte er sich des Eindrucks nicht erwehren, dass er noch immer einen leichten Hauch von Kanalisation mit sich trug.
Wobei letzter durchaus auch von Mr. Ferret kommen konnte, der sich wieder in seinen alten Mantel vergraben hatte und schweigend neben ihm saß. Glücklicherweise hatte sich der dünne Mann vor Abfahrt noch der Badekappe entledigt und trug jetzt einen geliehenen Bowler - der allerdings ebenso abgeschabt aussah, wie sein verloren gegangener.

Eric gab vor, durch die leicht beschlagenen Scheiben nach draußen in die nebligen Straßen zu starren.
Es war ein ausgesprochen trüber Tag. Der Nebel drückte von der See herein, schob den Gestank von Salz, Fisch und Fäulnis aus den Hafenvierteln weit stadteinwärts und mischte ihn hier mit dem Qualm tausender Kohlefeuer, dem beißenden Aroma nasser Wollkleidung und schwitzender Pferde und der allgegenwärtigen, besonderen Note Steamtowns: dem säuerlichen Geruch des Plasmas.
Die zischenden Dampfwagen, die sich immer häufiger ihren Weg zwischen den Droschken und Pferdefuhrwerken bahnten, trugen ebenfalls nicht zur Verbesserung der Luft bei, zogen sie doch stinkende Qualmwolken verbrannten Plasmas hinter sich her. Das war wohl, wie Eric beiläufig dachte, der Preis des Fortschritts, den Steamtown zu zahlen hatte. Und es war der Grund, warum jene, die es sich leisten konnten, die Stadt verließen, ins Umland zogen und die stickige Innenstadt immer mehr den Ärmeren überließen.

In Wahrheit jedoch hatte der junge Agent kaum einen Blick für seine Umgebung. Vielmehr betrachtete er in der Spiegelung der Fenster verstohlen die Kreatur neben sich.
Natürlich hatte er schon von den Wiedergängern gehört. Und selbstverständlich wusste er auch davon, dass ein halbes, vielleicht auch ein Dutzend dieser Kreaturen noch immer ihren Dienst in verschiedenen Behörden versah. Aber wie jeder Bürger Steamtowns kannte auch er die düsteren Geschichten um die wandelnden Toten und wie bei jedem anderen waren auch in sein Gedächtnis die Schrecken jener entsetzlichen Stunden von Arminton eingebrannt.
Er selbst war damals nur ein Kind gewesen, das weitab von dem Viertel zuhause war, in dem die Straßen gebrannt hatten. Doch auch er hatte die Verzweiflung gespürt, die alle Erwachsenen erfasst hatte. Viele hatten an diesem Tag den Anbruch des Endes der Welt gesehen, als durch die Hände der wandelnden Toten Hunderte von Menschen ihr Leben gelassen hatten. Seitdem wurden die Wiedergänger gefürchtet und verfolgt, wo immer sie sich erhoben.
Sicherlich, die dünne, unscheinbare Kreatur neben ihm wirkte harmlos genug. Zudem – wenn Ferret einer jener wenigen seiner Art war, die noch immer für die Ministerien arbeiteten, dann musste wohl seine Unbedenklichkeit zweifelsfrei feststehen. Und doch… Wer konnte schon sagen, was hinter diesen starren, schwarzen Augen vorging, wer konnte wissen, welch unnatürliche Kraft in diesen dürren Händen schlummern mochte. Eric erschauderte unwillkürlich.

Schließlich jedoch riss sich der junge Mann zusammen und wandte sich seinem Begleiter zu, als ihm ein weiterer, seltsamer Gedanke durch den Kopf ging.
“Mister Ferret”, fragte er nachdenklich, “an wie vielen Mordermittlungen waren Sie bisher beteiligt?”
Der dünne Mann schien einen Augenblick lang zu überlegen. “Etwa an einem Dutzend, Sir. Weshalb?”
“Tatächlich? Ich dachte bislang, Ihresgl… ich meine, Plasmierte würden keine Sicherheitseinstufung bekommen, wie sie für eine Ermittlung dieser Art notwendig ist?”
“Nein, Sir. Die bekommt Unseresgleichen auch nicht.” Mr. Ferrets Wortwahl ließ keinen Zweifel daran, dass ihm Erics Ausrutscher nicht entgangen war. “In der Regel werde ich hinzugezogen, um die technischen Aspekte von Verwundungen und Waffeneinwirkungen zu beurteilen. Zum einen bin ich ausgebildeter Techniker - und zum anderen hat sich herausgestellt, dass ich mit den verfallsbedingten Unannehmlichkeiten einer solchen Untersuchung besser umgehen kann, als die meisten Lebenden, Sir.”
“Das heißt doch aber, dass Sie noch nie an einer direkten Ermittlung beteiligt waren. Warum also jetzt?”
“Keine Ahnung, Sir.”
Mr. Ferret zuckte mit den Schultern. “Möglicherweise dachte man, dass ich an diesem Tatort nichts mehr kaputt machen könnte.”
Er lächelte schmal und Eric erschien es plötzlich seltsam, dass ein wandelnder Toter überhaupt über so etwas Ähnliches wie Humor verfügte. “Und Sie, Sir?”
“Keine. Es ist meine erste Ermittlung dieser Art. Kommt Ihnen das nicht seltsam vor?”
Mr. Ferret starrte Eric einen Moment lang an. “Nein, Sir”, sagte er dann, “mir kommt nur selten etwas seltsam vor. Ich bekomme meine Aufträge, und ich erfülle sie. Darüber nachzudenken, gehört nicht zu meinen Aufgaben. Ich hatte es so verstanden, dass das in Ihr Aufgabengebiet fällt.”
Eric seufzte und sah aus dem Fenster. In der Ferne war inzwischen ihr Zielort zu sehen.

“Na gut. Da haben Sie vermutlich recht, Mr. Ferret”, sagte er schließlich, “Etwas Anderes: Waren sie schon mal im Coleman-Asylum?”
Wieder starrte ihn Mr. Ferret einen Moment lang an und diesmal war es Eric so, als könnte er so etwas wie Unwohlsein in den Zügen des Wiedergängers entdecken. “Ich hatte schon das Vergnügen, Sir”, sagte dieser schließlich. “Alle Plasmierten wurden in dieser Einrichtung evaluiert und müssen sich jährlich zu einer Beurteilung dort einfinden.”
“Das wusste ich nicht”, sagte Eric erstaunt. “Können Sie mir sagen, was uns dort erwarten wird?”
“Das Coleman-Asylum ist die führende Nervenheilanstalt von Steamtown und als solche genießt sie weltweit den Ruf höchster Kompetenz und Modernität”, sagte Mr. Ferret in betont neutralem Tonfall. Dann, nach einem Moment des Schweigens ergänzte er: “Das ist meine offizielle Meinung, Sir. Wenn Sie mir eine persönliche Bemerkung gestatten: Sollten Sie einen Freund oder Verwandten haben, auf dessen geistige Gesundheit Sie tatsächlich Wert legen, sorgen Sie dafür, dass man ihn nicht dorthin bringt. Egal, was man Ihnen erzählt haben mag.”
Eric war seinem Begleiter einen scharfen Blick zu. “Tatsächlich?”
“Tatsächlich”, sagte Mr. Ferret und starrte unbewegt geradeaus. “Sie werden es sehen, Sir. Wir sind da.”

Tags: , , ,

Dieser Eintrag wurde geschrieben am Montag, Mai 25th, 2009 um 00:01 in der Kategorie Kapitel 3. Reaktionen zu diesem Eintrag können Sie mit dem RSS 2.0 Feed verfolgen. Die Kommentare für diese Seite sind geschlossen.

4 Kommentare bisher

 1 

Sehr guter Trick. Dunkle Vorandeutungen, die die Spannung heben, und Mr. Ferret hat auch einen mehr als plausiblen Grund, es bei Andeutungen zu lassen.
Ich bin schon auf das quietschende, Gußeiserne Tor des Asylums gespannt (kennt Ihr die SUPERNATURAL-Folge, die im Asylum spielt?).

UND mir gefällt, daß Steamtown stinkt! :-)

Mai 25th, 2009 at 14:19
Onkel Jack
 2 

Hi,
habe gestern auf der Seite eines befreundeten Autors von eurem Projekt erfahren. Und ich muss sagen, er hat nicht zu viel versprochen. Die Werbung hat sich gelohnt und ihr habt einen neuen Leser gewonnen …

Mai 25th, 2009 at 18:24
Stephan
 3 

Danke für die Blumen, Onkel Jack, und willkommen im stinkenden Moloch Steamtown ;-)

Mai 26th, 2009 at 12:24
 4 

Dem schließe ich mich an. Herzlich willkommen bei uns!
;)

Mai 26th, 2009 at 19:26

Die Kommentare sind geschlossen.