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Das erste, was Eric sah, als er die Augen öffnete, war das Gesicht des toten Mannes namens Mr. Ferret.

Dies war mit Sicherheit nicht der angenehmste Anblick, den ein junger Mann beim Erwachen haben konnte, aber wie kein anderer war er dazu geeignet, Eric in die Gegenwart zurück zu zerren.
Als Vertreter der himmlischen Wesen war Mr. Ferret gewiss nicht geeignet – und die geblümte Badekappe, die der dünne Mann trug, wäre wohl auch bei den seltsameren Vertretern der Unterwelt nicht zu erwarten. Das bedeutete wohl, dass er, Eric, noch am Leben war. Und dass Jamie und Hartlefield nur ein Traum…

“Hartlefield”, murmelte Eric.
“Nein, Sir. Mister Ferret”, entgegnete Mr. Ferret. “Mister Hartlefield ist noch um einiges toter als ich. Und wohl auch als Sie, Sir, wenn ich das so sagen darf. Willkommen zurück, Sir.” Mister Ferret lächelte. Was seinen Anblick weder attraktiver, noch beruhigender machte.
“Nein, ich meine, ich weiß jetzt, wer Har… au!” Eric hatte versucht, sich auf dem schmalen Bett aufzusetzen, eine Bewegung, die mit stechendem Kopfschmerz belohnt wurde. Matt ließ er sich zurück fallen.
“Lassen Sie es langsam angehn, Sir”, sagte Ferret und legte Eric ein feuchtes Tuch auf die Stirn. “Mister Coler, das ist der Mediziner dieser Abteilung hier, hat das schon erwartet. Er sagte, sie sollen das hier trinken, sobald sie wieder bei Bewusstsein sind.” Er hielt Eric ein Glas mit einer milchigen Flüssigkeit hin. “Das wirkt wohl gegen die letzten Auswirkungen des Giftes und der Drogen, die Ihnen in den letzten Tagen verabreicht wurden.”
Gehorsam nahm Eric einen Schluck und verzog das Gesicht. Nur langsam drangen die zahlreichen Informationen zu ihm vor. “Gift?”, fragte er, “Drogen? …Abteilung?”
“Oh. Entschuldigen Sie. Woran können Sie sich erinnern?”
Eric starrte an die schmutzige, von alten, schwarzen Spinnweben verklebte Decke und versuchte, dem Schmerz hinter seinen Augen Herr zu werden. “Ich erinnere mich”, sagte er leise, stockend, “an die Straße vor der Baker’s Hall. Hartlefield. An Tunnel. Und Angreifer. An Dunkelheit… und eine Höhle voller Wasser. An ein Wesen… Fangarme! Und daran, dass sie tot waren, Mr. Ferret…”
“Das bin ich immer noch, Sir”, sagte Mr. Ferret unbekümmert, “Seit über vierzig Jahren. Keine Sorge, Sir, mir geht es hervorragend. Mr. Bruggs ist ein begabter Mechaniker und seine Werkstatt hier ist wirklich erstklassig ausgestattet. Und Mr. Coler hat ebenfalls ganze Arbeit geleistet und mich gut vernäht. Ich bin also ganz der Alte, Sir.”
Eric musterte das fahle, eingefallene Gesicht und die tote Haut Ferrets und schauderte.
Dann nahm er einen weiteren Schluck aus dem Glas. Tatsächlich schienen die Kopfschmerzen zu schwinden.
“Freut mich zu hören, Mr. Ferret”, sagte er. “Aber würden Sie vielleicht so freundlich sein, mir zu erklären, wo wir sind und was passiert ist?”
“Ah. Entschuldigen Sie bitte!” Mr. Ferret lächelte abermals und Eric wünschte sich, er würde es nicht tun. “Wir sind noch immer im Quartier der Seuchenschutzbehörde, Abteilung Tanners Flat. Mr. Coler war der Ansicht, dass man Sie auf keinen Fall bewegen dürfe. Also haben wir sie hier untergebracht.”

Während Eric langsam das Glas mit der bitteren Flüssigkeit leerte, setzte ihn Mr. Ferret über die Ereignisse der letzten beiden Tage in Kenntnis. Denn tatsächlich waren es gute zwei Tage gewesen, in denen der junge Mann unter schwerstem Fieber mit dem Gift der Meduse gerungen hatte. Die Lederhaut namens Coler hatte sich als der Mediziner der Abteilung herausgestellt und Eric nach Konsultation eines Kollegen für keinesfalls transportfähig erklärt. Also hatte man ihn in einem der Wohnräume im Gebäude der Behörde untergebracht und Mr. Ferret war bei ihm geblieben.
Zum einen, um seinen jungen Vorgesetzten im Blick zu behalten - zum anderen aber auch, weil er selbst dringend Hilfe benötigte. Trotz anfänglicher Zurückhaltung hatte sich Bruggs als äußerst geschickter Mechaniker herausgestellt. Die Aufgabe, Mr. Ferrets zahlreiche beschädigte Einbauten wieder in Gang zu setzen, hatte ihn schon bald mit professionellem Ehrgeiz erfüllt und seine Abneigung gegen den wandelnden Toten verdrängt. Mit fasziniertem Unglauben ließ sich Eric über die wahre Natur seines neuen Untergebenen aufklären.
Dies brachte ihn allerdings bald darauf zu der Frage, wo sein zweiter Mitarbeiter abgeblieben sein mochte.
“Der Pater hatte es recht eilig, uns zu verlassen, Mr. VanValen”, sagte Ferret schulterzuckend, “Murmelte etwas davon, unsere Vorgesetzten in Kenntnis zu setzen und danach etwas überprüfen zu müssen. Ich hab ihn seitdem nicht mehr zu Gesicht bekommen.”
Eric nickte und unternahm einen zweiten Versuch, sich aufzurichten.

Schließlich saß er schwankend und ob der Anstrengung schwer atmend auf der Kante des schmalen Bettes und sah sich um.
Die Kammer war klein und fensterlos, was angesichts der Tatsache, dass die Quartiere der Lederhäute noch zwei Stockwerke unter Straßenniveau lagen, allerdings verständlich war. Eine vergitterte Plasmalampe tauchte die unverputzten Backsteinwände in das typisch grünliche Licht der ärmeren Stadtviertel Steamtowns. In einer Ecke des Raumes ließ ein rumpelnder, quietschender und stöhnender Heizkörper einen altersschwachen Dampfbeuler tief in den labyrinthischen Eingeweiden der Pumpstation erahnen und dem Geruch nach gediehen in den Wänden Schimmel und Stock prächtig. Mehr Einrichtung als einen metallenen Spind, einen kleinen Tisch und einen Stuhl wies die Kammer nicht auf, die sonst einem der Männer der Seuchenschutzbehörde als Unterkunft dienen mochte.

“Mr. Ferret”, stellte er fest, “Ich weiß jetzt, wo ich den Toten, Hartlefield , schon einmal gesehen habe. Es ist von unbedingter Wichtigkeit, dass wir die Ermittlungen so schnell wie möglich aufnehmen.”
Ferret zuckte abermals mit den Schultern. “Wenn Sie’s sagen, Sir. Die Lederhäute sind sich allerdings sicher, dass wir den Mörder nicht hier unten finden werden. Sie haben versprochen, sich für uns umzuhören, aber bisher sieht es so aus, als hätten wir die Spur verloren.”
Eric seufzte. “Gut. Dann bleibt uns vorerst nur, die Zeugin des zweiten Mordes zu befragen. Falls sie noch am Leben ist.”
“Sie meinen die Frau im Coleman-Asylum, Sir? Wollen Sie sich das in Ihrem Zustand wirklich zumuten?”
Eric nickte bestimmt. “Ich muss, Mr. Ferret. Ich denke, das bin ich Mr. Hartlefield schuldig. Wenn Sie mir also meine Kleider reichen wollten?” Er deutete auf den sorgfältig gefalteten Stapel, den er auf dem Stuhl am Tisch entdeckt hatte. “Und Mr. Ferret? Was soll eigentlich… das da?” Mit einer unbestimmten Geste deutete er auf die Badehaube, die noch immer Ferrets Kopf zierte.
“Das hat persönliche Gründe”, sagte Ferret in einem Tonfall, der andeutete, dass er es vorziehen würde, dieses Thema nicht zu diskutieren. Er reichte Eric die frisch gewaschene Kleidung. “Mein Bowler war leider nicht mehr aufzufinden. Sind Sie sicher, dass Sie jetzt schon aufstehen sollten?”
“Wir haben keine Wahl, Ferret” entgegnete Eric. “Höchste Eile ist geboten. Wo zwei Morde passiert sind, steht zu befürchten, dass bald auch ein dritter folgt. Falls wir nicht bereits zu spät sind!”

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Dieser Eintrag wurde geschrieben am Freitag, Mai 22nd, 2009 um 00:01 in der Kategorie Kapitel 3. Reaktionen zu diesem Eintrag können Sie mit dem RSS 2.0 Feed verfolgen. Die Kommentare für diese Seite sind geschlossen.

8 Kommentare bisher

 1 

wieder bei Bewusst sein seien

- Bewusstsein (sind).

In einer [...] Stock prächtig.

- Irgendwelche weitere Satzzeichen würden dem Satz gut tun… (der Abschnitt mit gediehen sollte besser abgesetzt werden).

Ansonsten: Überrascht mich… ^^ !

Mai 22nd, 2009 at 10:25
Stephan
 2 

Überrascht das Ganze positiv oder negativ? ;-)

Mai 22nd, 2009 at 11:59
 3 

Das war ne Aufforderung… ihr sollt mich überraschen :P
Ob positiv oder negativ… ich lass mich überraschen :P

Mai 22nd, 2009 at 13:17
 4 

Komma: “Badekappe, die der dünne Mann trug, wäre”

Komma: ” dass er, Eric, noch”

“Matt ließ er sich zurück fallen.” Hm. Wenn das Aufsetzen mit Schmerzen verbunden ist, dann läßt man sich doch eher vorsichtig zurücksinken, oder? :-)

“bei Bewusst sein seien” Bewußtsein (also, zusammen)

“An die Straße…” da würde ich “an die Straße” schreiben. KLein.

“Mit fasziniertem Unglauben ließ sich Eric über die wahre Natur seines neuen Untergebenen aufklären.” Ja, das würde mich auch interessieren! :-) Also, etwas mehr Details über die Wiedergänger.

Mr. Ferret: ” Wir haben ihn seitdem nicht mehr zu Gesicht bekommen.” Da fehlen erstens die schließenden Anführungszeichen. Und zweitens, wer ist “wir”? Mr. Ferret und die Lederhäute? Ich glaube, ein einsamer Wiedergänger wie Mr. F. würde sich nicht so schnell mit den Lederhäuten anfreunden und wohl eher “Ich habe….” sagen.

Komma: “Straßenniveau lagen, allerdings”

Mai 22nd, 2009 at 15:39
 5 

Mir gefällt auch die Dopplung der Informationen nicht. Oder anders, der Absatz, in der Mr. Ferret Eric ins Bild setzt und in dem viel von dem, was er ihm schon in wörtlichen Zitaten erzählt hat, wiederholt und detailliert wird. Z.B. die Passage, wie sich Bruggs erst überwindet und Ferret dann doch repariert. Das bringt die Geschichte nicht weiter, und, wie gesagt, ich empfinde es als um nur wenige weitere Details bereicherte Wiederholung.

Mai 22nd, 2009 at 15:41
 6 

Da hast du recht.
Das hab ich heute morgen auch gedacht - nachdem ich genau das erst gestern Abend in einer Rezension bemängelt habe. *g*
Würde ich mir beim Lektorieren auch selbst anstreichen.

Ansonsten danke für die Korrekturen. Bau ich nachher noch ein (Bewusstsein trotzdem mit “ss” ;) ).
Was die Details der Wiedergänger angeht: Ich habe mich bewusst dagegen entschieden. Eric erfährt, was Mr. Ferret ist - aber Details muss der ihm nicht mitteilen. Die kennt Eric. Die Details werden also, sobald ich dazu komme, in die Enzyclopaedia wandern. Da sind sie besser aufgehoben.
Danke Leute, die Anmerkungen waren wieder mal hilfreich.

Mai 22nd, 2009 at 15:55
 7 

So, ich hoffe, mit dem neuen Enzyclopaedia-Eintrag ist deine Neugier zumindest vorerst befriedigt, TPF. Oder sind noch Wünsche offen?
Anregungen werden stets gern entgegen genommen.

Mai 24th, 2009 at 22:42
 8 

Nein, ich habe mir genau das gewünscht, einen Enzyclopaedia-Eintrag!
Was das “Bewußtsein” betrifft, ich habe die Rechtschreibreform nicht mitgemacht. Wirklich nicht.

Mai 25th, 2009 at 14:14

Die Kommentare sind geschlossen.