Eric schaute ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Doch Jamie schubste ihn an und lachte. „Wahrscheinlich kochen die Köche nur so viel, damit unser dicker Herr auch satt wird“, sagte er mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht.
Im nächsten Moment wurde er wieder ernst und schaute sich verstohlen um. „Diese Kinder hat es aber wirklich gegeben“, verriet er Eric im Flüsterton. „Und soll ich Dir etwas verraten? Ich weiß, wo sie hingebracht wurden …“
Diesmal glaubte Eric dem Älteren nicht.
„Ich schwör’s“, erwiderte Jamie. „Ich habe die Räume gesehen. Ich war dort gewesen. Schon mindestens tausend Mal. Wenn du willst, zeige ich es dir - oder hast du Angst?“
Natürlich hatte Eric Angst. Aber er schüttelte trotzdem den Kopf.
Jamie führte ihn durch lange Flure in den hinteren Bereich des Herrenhauses. Hier waren die Räume weitaus schlichter ausgestattet als im vorderen Teil. Viele von ihnen dienten lediglich als Lager oder als sporadisch belegte Gästezimmer, die den größten Teil des Jahres über leer standen und deren Möbel von schweren Leinentüchern abgedeckt waren, um sie vor Staub zu schützen. Weit und breit war keine Menschenseele zu entdecken. Am Ende des letzten Flures stiegen die beiden schließlich eine lange schmale Treppe hinunter in das Kellergeschoss. Jamie ging voran und beleuchtete den Weg mit einer Laterne, die er zuvor aus einem Wandregal genommen hatte. Das flackernde Licht warf beunruhigende Schatten an die Wände und in Erics Magen breitete sich langsam ein unbestimmtes Gefühl der Furcht aus.
Die beiden Jungen wanderten durch einen düsteren Weinkeller und vorbei an weiteren Räumen, unzähligen Abzweigungen und dunklen Ecken. Eric schien es, als wäre das Kellergeschoss weit größer als das gesamte, darüber liegende Haus und als würde es sich unter der halben Stadt hindurchwinden. Nach einer Ewigkeit und etlichen Türen, deren Schlüssel Jamie jedes Mal umständlich aus dem großen Bund heraussuchte, gelangten sie schließlich vor eine alte, eisenbeschlagene Tür. Sie besaß einen schweren Riegel und ein kleines, ebenfalls verriegelbares Fensterchen, das zu weit oben angebracht war, als dass die Jungen es hätten erreichen können. Die Tür sah aus, als würde sie eine Gefängniszelle verschließen und sie schien etwas Bedrohliches auszustrahlen, das Erics Furcht nur noch verstärkte.
Jamie hielt die Laterne so nah an sein Gesicht, dass das Flackern der Flamme ihm einen unheimlichen Ausdruck verlieh. „Hier ist es“, sagte er schlicht.
Diesmal musste er nicht an seinem Schlüsselbund herumsuchen, sondern zog einen Schlüssel aus seiner Hosentasche heraus. Behutsam steckte er ihn in das Schloss und drehte ihn herum. Mit einem leisen Klicken und ohne jeden Widerstand löste sich die Verriegelung. Jamie zog den schweren Riegel zurück und öffnete langsam die Tür.
Dahinter war Dunkelheit. Jamie leuchtete mit der Laterne in den Raum hinein, doch Eric konnte nur ein paar schwache Umrisse erahnen, die an Möbel erinnerten. Eine Vitrine vielleicht, ein seltsam geformter Tisch, zwei Stühle und andere Dinge.
Etwas Eiskaltes kroch ihm über den Rücken. „Ich muss nach Hause“, sagte er leise.
Jamie lachte. „Du hast Angst“, sagte er. „Gib es zu. Aber wenn du willst, kannst du ja gehen. Ich schaue mich erst mal hier um.“ Der größere Junge hob die Laterne in die Höhe und betrat den Raum. Seine Schritte tappten hörbar über den steinernen Boden.
Er konnte eigentlich nur wenige Meter gegangen sein, aber trotzdem schien das Licht seiner Laterne bereits viel schwächer zu brennen; beinahe so, als würde es von der ihn umgebenden Finsternis verschluckt. Als er die Mitte des Raumes erreicht hatte, war auch von ihm nicht viel mehr als ein schwacher Umriss zu erkennen. Langsam drehte er sich zu Eric um. „Siehst du“, sagte er grinsend. „Hier ist nichts, wovor du dich fürchten müsstest.“
Das Geräusch hörte sich wie ein leises Seufzen an. Mehr war nicht zu hören. Im einen Augenblick sah Eric noch das grinsende Gesicht des älteren Jungen vor sich und im nächsten wurde es schlagartig finster. Angstvoll hielt Eric den Atem an und wagte nicht, sich auch nur einen Zentimeter vom Fleck zu rühren. Mit starrem Blick fixierte er die Stelle an der Jamie gestanden hatte, versuchte die Dunkelheit zu durchdringen und irgendeine Bewegung zu erahnen, die darauf hindeutete, dass er immer noch am gleichen Ort stand. Lange starrte er so in den Raum hinein und fragte sich, ob der größere Junge sich vor ihm versteckt hielt, das Licht gelöscht hatte und ein Lachen unterdrückte, während er sich ausmalte, wie er hier ängstlich zitternd in der Dunkelheit stand. Vielleicht war er aber auch gestürzt und hatte sich den Kopf angeschlagen und jetzt brauchte er Hilfe.
Vielleicht war es aber auch etwas völlig anderes.
Es schienen Stunden vergangen zu sein, ehe Eric wagte, sich wieder zu bewegen. Er griff in seine Hosentasche und zog einen Kerzenstummel und ein Schwefelholz hervor. Als das Holz aufflammte ahnte er, mehr als er sie sah, eine Bewegung, ein Zurückschrecken vor der plötzlichen Helligkeit. Eric reagierte instinktiv und warf sich gegen die Tür, die darauf hin mit einem lauten Knall zuschlug. Schnell zog er den Riegel zu, drehte den Schlüssel herum und steckte ihn ein.
„Jamie?“ fragte er nach einer Weile leise. „Bist du das? - Sag doch was!“
Keine Antwort. Trotzdem hatte Eric das Gefühl, als würde jemand direkt auf der anderen Seite stehen. Das Ohr dicht an das kalte Metall der Tür gepresst, als würde er lauschen.
„Hör auf damit, Jamie“, schluchzte Eric. „Das ist nicht lustig.“ Tränen liefen ihm die Wangen hinunter und seine Schultern begannen zu beben. „Bitte!“
Irgendwann ließ er sich schließlich leise weinend zu Boden sinken und rollte sich zusammen, die Knie eng an den Körper gepresst und mit den Armen umschlungen.
Als Eric erwachte, fand er sich in einem weichen Himmelbett wieder. Seine Mutter saß mit sorgenvoller Mine neben ihm am Bettrand und hielt seine Hand umklammert. In einer Ecke des Zimmers entdeckte er den dicken Hausherren, der leise flüsternd aber mit zorniger Eindringlichkeit auf einen untersetzten jungen Mann einredete. Der Mann war nicht besonders auffällig, hatte ein Allerweltsgesicht und leichtes Übergewicht und sein Kopf wies bereits deutliche Anzeichen für eine beginnende Halbglatze auf. Dennoch kam er Eric seltsam bekannt vor. Er hatte dieses Gesicht schon einmal gesehen – seltsamerweise vor gar nicht all zu langer Zeit. Aber wo? Und warum schien ihm das so von Bedeutung zu sein?
Als das Gespräch zwischen den beiden beendet war, wandte sich der Hausherr kurz Erics Mutter zu “Sobald er so weit ist”, sagte er und deutete mit dem Kinn in Erics Richtung, ohne ihn anzusehen, „wird Mister Hartlefield hier dich und deinen Sohn nach Hause bringen, Katharine.“ Dann wandte er sich zum gehen. Die Klinke in der Hand hielt er noch einmal inne. “Es wird besser sein, wenn du ihn in Zukunft nicht mehr mit hierher bringst”, sagte er noch, ehe er die Tür hinter sich zu zog.
Der junge Mann namens Mister Hartlefield trat an das Bett und beugte sich mit besorgtem Blick über Eric. Sein Gesicht war das letzte, was er sah, bevor ihm abermals die Augen zu fielen.
Tags: Eric, Hartlefield, Jamie, Katharine, Van Valen

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