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Jeder Mensch hat ein Geheimnis.
Irgend eine düstere kleine Erinnerung aus der Kindheit oder der Jugend. Meistens sind es unwesentliche Geschichten und Erlebnisse die irgendwo im Unterbewusstsein auf ihre Gelegenheit warten. Nichts Besonderes. Gerade gut genug, um an einem trüben und regnerischen Herbsttag in milder Melancholie zu versinken.
Meistens.

Erics Geheimnis war das alte Herrenhaus.
In seiner Kindheit war er oft dort gewesen. Immer wenn die schwarze Kutsche vor ihrem Haus hielt, zogen sie ihre feinsten Sachen an. Kleider und weiße Handschuhe für die Mutter und sogar für ihn ein Anzug, als wäre er ein feiner Herr. Doch die Schuhe waren unbequem und drückten an den Zehen und die Halsbinde schnürte ihm den Atem ab. Wenn er erst einmal völlig angekleidet war, dann durfte Eric sich nicht mehr rühren, nichts mehr anfassen und keine hastigen Bewegungen machen. Für einen Jungen von noch nicht einmal zehn Jahren war das die Hölle. Damals fragte er sich, ob die Erwachsenen die solche Kleidung beinahe jeden Tag trugen überhaupt noch ein Leben hatten und wie sie es schafften, auf einen Apfelbaum zu klettern oder unbemerkt ein Stück Kuchen aus der Küche zu stehlen.

Diese Tage verliefen immer nach dem gleichen Muster: Von einem schweigenden Kutscher wurden sie durch die halbe Stadt gefahren, vorbei an den Häusern der Bessergestellten, der Ärzte, Anwälte und Beamten im Ministerium. Je weiter sie kamen, um so ansehnlicher wurde die Aussicht aus den schmalen Fenstern ihres Gefährts. Bald verwandelten sich die stinkenden Abfallhaufen die so typisch für das Stadtbild waren, in blühende, von Rabatten gesäumte Wiesen. Wo im Kern der Stadt lärmende Enge herrschte, wurden hier die Straßen leerer und ruhiger. Und die Häuser wurden größer und schöner und sie wichen mehr und mehr vom Straßenrand zurück und versteckten sich bald hinter Bäumen und kunstvoll beschnittenen Hecken. Eric begriff schnell, dass die Entfernung eines Hauses zur Straße seinen Wert widerspiegelte. Je weiter es entfernt war, um so wohlhabender schienen seine Bewohner zu sein. Das alte Herrenhaus war sehr weit von der Straße entfernt.

Viel bekam Eric von seinem Äußeren nicht mit. Sobald die Kutsche vorgefahren war, wurden sie von einem unfreundlichen Diener in das Innere geleitet. An manchen Tagen begrüßte sie ein großer, unförmiger Mann, der ihm dann ein paar Fragen stellte, ihm den Kopf tätschelte und einige Belanglosigkeiten von sich gab, ehe er sich wichtigeren Geschäften zuwandte. Das war der Herr des Hauses, irgend ein wichtiger Mann in der Regierung. Eric sollte erst sehr viel später erfahren, welche Bewandtnis es mit ihm hatte.
Anschließend steckte man ihn meist in einen langweiligen Salon, wo ihm Holzspielzeuge und alte Bücher zur Verfügung standen. Dort überließ man ihn sich selbst und der Obhut einer verrückten alten Dienerin, die sich von unsichtbaren Geistern verfolgt fühlte und häufig schon gegen Mittag ziemlich betrunken war.
„Der Alkohol schreckt die Dämonen ab“, rechtfertigte sie sich jedes Mal, wenn sie darauf angesprochen wurde.

Am betreffenden Tag war es anders.
Die alte Margret war am frühen Morgen mit einer halb gefüllten Flasche Gin in der Hand und gebrochenem Bein am Fuß der Treppe zum Empfangssaal aufgefunden worden und Eric musste notgedrungen in der Gesindeküche untergebracht werden wo das Personal auf ihn aufpassen konnte, während es seiner Arbeit nachging.
Das einzige andere Kind in seinem Alter war ein ziemlich verdreckt aussehender Junge von vielleicht zwölf oder dreizehn Jahren, der sich vor Eric aufbaute und ihn herausfordernd anstarrte. „Das ist meine Küche“, markierte er mit vorgeschobenem Kinn sogleich sein Revier.
Als Eric langsam nickte, zog ein breites Grinsen über das Gesicht des Älteren. „Ich bin Jamie“, stellte er sich vor und streckte Eric eine schmutzige Hand entgegen. „Hast Du dir das Haus schon mal angeschaut?“
Eric schüttelte den Kopf. „Nein“, erwiderte er schüchtern. „Ich darf nicht allein herumlaufen.“
„Prima, dann kommst du mit mir.“ Jamie hob ein dickes Schlüsselbund in die Höhe und klapperte damit herum. „Du hilfst mir, Wein aus dem Keller zu holen, und ich zeige dir alles.“

Das Haus war riesig. Viel größer, als Eric es sich in seinen kühnsten Träumen hätte vorstellen können. Während er ihn durch die Räume führte, erzählte Jamie ihm, dass es früher einmal einem echten Grafen gehört hatte, der darin völlig allein lebte – natürlich hatte er Bedienstete und so. Aber die würden ja nicht zählen, bei so feinen Leute, erklärte der Junge. Weil er so einsam war und keine Kinder hatte, hieß es, der Graf wäre ab und zu, in besonders dunklen Nächten, mit der Kutsche hinaus in die Stadt gefahren und hätte arme Waisen von der Straße aufgesammelt, um sie mit zu sich nach Hause zu nehmen.
„Doch niemand weiß, wo genau er sie hinbrachte oder was er mit ihnen gemacht hat“, sagte Jamie düster. „Das Haus ist so riesig groß, dass keiner die genaue Anzahl der Zimmer kennt. Sie hätten überall sein können.“
Der einzige Hinweis auf ihre Anwesenheit war das Essen, das die Köche jeden Tag zubereiten mussten. Die Menge war viel zu groß für den Grafen und eine Hand voll Diener. Als er schließlich starb, durchsuchten einige besorgte Bürger das Anwesen, doch sie fanden keine Spur von den verschwundenen Kindern. Das Haus wurde schließlich versteigert und mit sämtlichem Inventar an seinen jetzigen Besitzer verkauft.
„Und weißt du was?“ Jamie blieb plötzlich stehen und drehte sich zu Eric um. „Die Köche bereiten immer noch viel zu viel Essen zu…“

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Dieser Eintrag wurde geschrieben am Freitag, Mai 15th, 2009 um 00:01 in der Kategorie Kapitel 2. Reaktionen zu diesem Eintrag können Sie mit dem RSS 2.0 Feed verfolgen. Die Kommentare für diese Seite sind geschlossen.

3 Kommentare bisher

 1 

Das ist ein seeehr interessanter Anfang einer Kindheitserinnerung.
Auch sehr schön geschrieben übrigens.

Mai 16th, 2009 at 02:40
 2 

Das ist ja eine Schande… Hab textlich gerade gar nix zu bemängeln…
Ich finde nur, dass man diese Erinnerung vielleicht besser in einem eigenen Abschnitt untergebracht hätte… kommt so ein bisschen plötzlich.

Mai 18th, 2009 at 21:13
Stephan
 3 

Mit etwas Glück finden wir noch heraus, warum es gerade jetzt kommt ;-)

Mai 18th, 2009 at 21:55

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