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Archiv für Mai 11th, 2009

11
Mai

Kapitel 2-09

   Posted by: Steamtown    in Kapitel 2

Die Explosion erfolgte so dicht neben Mr. Ferret, dass er nicht nur von einem Schwall schleimiger Polypenreste überschüttet wurde, sondern einige der scharfkantigen Schrapnell-Nadeln mit Wucht durch seinen Unterarm schlugen. Mit einem leisen Fluch ließ er den Tentakel los und sich selbst fallen. Keinen Moment zu früh, wie sich gleich darauf zeigte. Der Polyp mochte vielleicht die gigantische Größe von über drei Metern erreicht haben, doch auch er unterlag den Reflexen seiner Art. Und einer davon war es, sich zusammen zu ziehen, wenn er sich einem Angriff gegenüber fand, der ihm ernsthaften Schaden zufügen konnte.
Blitzschnell stellte das Wesen sämtliche Angriffe ein und zog, begleitet von einem neuerlichen Ausbruch seines seltsamen Pfeifens, seine Tentakel in das schützende Innere seiner Körpersäule zurück.
Irgendwo in der Kaverne erklang das charakteristische Zischen komprimierter Luft, mit dem eine weitere Ladung Flechette-Nadeln schussbereit gemacht wurde. Entweder verfügte auch der Polyp über eine Möglichkeit, dieses Geräusch wahr zu nehmen, oder aber er ging aus reinem Instinkt vor: Was immer der Fall sein mochte, die Monstrosität schien beschlossen zu haben, ihren Angriff abzubrechen und sich zurück zu ziehen. Ein wellenartiges Rollen durchlief ihren Körper, dann glitt sie auf ihrem schleimigen Fuß über den Rand des Absatzes und ließ sich aufspritzend in den Abwassersee zurückfallen.

“Samson, Bruggs, Coler! Sehen Sie zu, dass sie dort rüber kommen und die beiden Männer überprüfen! Vielleicht sind sie noch am Leben. Tawyer, halten Sie die Wasserfläche im Auge. Ich möchte nicht, dass das Mädchen nochmal zurück kommt”, bellte eine raue Stimme im Befehlston. “Und Sie, wer sind Sie? Was tun Sie hier?”
Mühsam hob Mr. Ferret den Kopf und entdeckte fünf Männer in ledernen Overalls.
Diese besonderen Kleidungsstücke wurden ‘Lederhäute’ genannt und gaben den Männern der ‘Kanalreinigergilde’ nicht nur ihren Spitznamen, sondern identifizierte sie ebenso eindeutig als Mitarbeiter der Seuchenkontrollbehörde von Tanners Flat. Die Lederhäute führten grundsätzlich ein reichhaltiges Arsenal an Werkzeugen und Waffen mit sich, um die Tunnel unter Steamtown von Ungeziefer frei zu halten und sich gegen Angriffe von unangenehmeren Tunnelbewohnern wie Riesenratten oder Quexer zur Wehr zu setzen. Ein Umstand, der jetzt offensichtlich ihn und seine Begleiter gerettet hatte.

Mit protestierenden Muskeln und Gelenken stemmte sich Mr. Ferret auf die Knie, als sich drei der Männer an der Wand entlang bis zu dem Absatz vortasteten, auf dem Eric und er lagen. Ein weiterer beobachtete, wie befohlen, die schaumige Oberfläche des Wassers. In seinen Händen hielt er ein klobiges Rohr mit großem Magazin. Ein Schlauch führte von der Waffe zu einem Tank auf seinem Rücken und eine von stetem, leisen Zischen begleitete Dampffahne sagte Ferret, dass sie es hier mit einer älteren Kompressor-Flechette zu tun hatten. Unhandlich, jedoch von bislang unübertroffener Zerstörungskraft.
Der letzte der Männer, ein bulliger Kerl, der es an Körpermasse mit dem Pater durchaus aufnehmen konnte, obwohl dieser ihn um beinahe einen Kopf überragte, hatte sich vor Grand aufgebaut und wog drohend eine schwere Spatenaxt in der Hand. “Wer sind Sie und was tun Sie hier?” bellte er nochmals.

“Oh, ich dachte, das hätte man gesehen. Wir haben ein kleines Tänzchen mit ihrem Mädchen auf´s Parkett gelegt. Sie sind doch nicht etwa eifersüchtig, oder?” antwortete Grand sarkastisch, von der Spatenaxt kein bisschen beeindruckt.
“Nu werden Sie mal nicht frech, sonst lasse ich sie einmal dieses Mädchen hier ausprobieren.” Der bullige Kerl deutete auf das Werkzeug mit dem wuchtigen Blatt. “Ich werde nicht noch einmal fragen. Also?”
“Ich bin Pater Grand, Abteilung XXIV-02-003-C12, und dort drüben liegt der Rest des Teams, wie sie ja sehen können. Mr. Ferret ist der knochige Typ da und unser schlafender Prinz ist Agent Eric van Valen”, antwortete Grand, der einsah, dass man hier mit Drohgebärden nicht weiterkam. “Wir sind im offiziellen Auftrag des Ministeriums hier unten. Tatverfolgung einer Mordsache. Und Sie?”
“Cummins. James Cummins. Von der Seuchenkontrollbehörde. Ihr Glück, dass wir uns heute diese Inspektionsroute ausgesucht haben. Sieht aus, als hätten wir ihren Arsch gerettet.”

Die anderen drei Männer hatten Eric und Mr. Ferret mittlerweile erreicht. Misstrauisch beäugte der erste den knienden, dünnen Mann. Dann registrierte er Ferrets kahlen Schädel und sein offenes Hemd, aus dem das Messing seiner Brustplatten hervor blitzte und seine Augen wurden groß. “Bruggs! Ein Wiedergänger!” rief er aus.
Mr. Ferret widmete ihm einen resignierten Blick, als die drei Männer eilig ihre Waffen hoben. Langsam hob er die noch funktionierende Hand und schob, sorgfältig darauf bedacht, keine hastige oder sonstwie falsch aufzufassende Bewegung zu machen, die Reste seines Hemdes von der Brust. Unwillkürlich hefteten sich die Blicke der Männer auf sein graues, zerrissenes Fleisch, aus dem noch immer ein grünliches Plasmarinnsal tropfte – und dann auf die Kennzeichnung, die in das Messing seiner Brustplatte eingestanzt war.
“Abteilung XXIV-23-A2″, sagte er, “Wartungsdienst, Dienstnummer 682-423877-32-06. Sie dürfen also von meiner Unbedenklichkeit ausgehen, meine Herren. Das hab ich sogar schriftlich.” Er lächelte schmal, als er die Blicke der Männer sah, die zwischen Abscheu, Unsicherheit und Besorgnis schwankten. “Ich vermute, dass Sie hier unten nicht viele meiner Sorte sehen.”
“Deiner Sorte? Wir ham hier untn mehr von deiner Sorte, als uns lieb sein kann. Könn’se gar nich so schnell erschlagn, wie neue auftauchn, zur Zeit”, nuschelte der Mann, der als Bruggs bezeichnet worden war. Er wirkte, als sei er kurz davor, die Ladung seiner alten Hoegle auf Mr. Ferrets Gesicht abzufeuern. Vermutlich hielt ihn nur die berechtigte Befürchtung zurück, dass dies nicht viel nützen würde.
“Sie meinen Wiedergänger”, sagte Ferret trocken. “Wie Sie sehen, trifft das auf mich nur bedingt zu. Ich bin gewissermaßen ein von offizieller Seite berufener Wiedergänger, doch ich fürchte, dass Sie nicht die nötige Sicherheitsfreigabe besitzen, um mehr darüber zu erfahren, meine Herren.”
“Hä?” machte Bruggs nach einem Moment.
Der Mann neben ihm zuckte mit den Schultern und senkte seine kurze Hakenlanze. “Er is’n Plasmazombie, sagter”, stellte er fest und schob Bruggs Waffe zur Seite. “Steck das Ding weg, Mann. Der gehört der Regierung. Das zieh’n die dir vom Lohn ab, wenn du auf den schießt. Jetzt steht nich rum. Da liegt noch einer.”
Er schob sich an Bruggs und Mr. Ferret vorbei und kniete sich neben Eric. “Er lebt noch”, stellte er gleich darauf fest. “Coler, dein Job.”
Der dritte Mann hockte sich neben ihn und musterte Eric eingehend, wobei er hier und da die nasse Kleidung beiseite schob und die Haut des jungen Mannes begutachtete. Schließlich entnahm er seiner ledernen Umhängetasche ein Spritzenbesteck und wählte eine der Glasflaschen, aus der er eine milchig-trübe Flüssigkeit aufzog. Dann stach er Eric die Nadel ohne zu zögern in die Halsvene und entleerte den gläsernen Kolben.
“Scheint ihn nur am Fuß erwischt zu haben, das Mädchen”, sagte er sachlich. “Wenn der Junge hier Glück hat, holen wir ihn noch zurück”.
“Un’ wenner viel Glück hat, kanner dann noch mehr als nur sabbern”, ergänzte Bruggs fröhlich.

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