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Die Röhre führte steil nach unten - viel zu steil. Unzählige Male schlugen die drei heftig mit Schultern, Armen, Beinen und Köpfen gegen die Wände und wurden wie Puppen hin und her geschleudert. Kleidung wurde aufgescheuert und Knochen geprellt. Der Sturz schien kein Ende mehr zu nehmen.
Dann plötzlich hörte es auf. Und nach einem kurzen freien Fall schlugen sie schmerzhaft auf einer brackigen Wasseroberfläche auf.

Wie mit einem Vorschlaghammer wurde Eric die Luft aus den Lungen gepresst. Er riss den Mund auf und wollte schreien. Doch im selben Augenblick füllte sich sein Mund mit stinkendem Schmutzwasser und zu den Schmerzen gesellte sich ein heftiger Würgereiz. Der junge Agent stellte mit Entsetzen fest, dass er sich unter Wasser befand, und begann, panisch um sich zu schlagen, zu versuchen, nach irgend etwas zu greifen, sich an irgend etwas festzuhalten. Aber seine Hände bekamen nirgendwo etwas zu fassen und seine Kleidung sog sich rasend schnell mit eiskaltem Wasser voll. Unbarmherzig begann sie, ihn in die Tiefe hinunter zu ziehen und der junge Mann verlor schließlich völlig die Orientierung.

Grand landete nur wenige Zentimeter neben der Stelle, an der Eric untergetaucht war, und er versank beinahe ebenso schnell wie ein gewaltiger Stein, der vom Himmel direkt in einen See gestürzt war.
Der Zylinder war ihm im freien Fall vom Kopf gerutscht und taumelte nun irgendwo im flüssigen Nichts hin und her. Mit der Rechten umklammerte er weiterhin hartnäckig seine Hoegle, nicht willens, diese aufzugeben. Auch nicht, als die Welle eines weiteren Einschlags direkt neben ihm drohte, ihn noch weiter unter Wasser zu drücken. Ferret war also auch angekommen.

Im Gegensatz zu Eric behielt der Pater die Nerven. Er wartete ab, bis sich die Abwärtsbewegung verlangsamte, orientierte sich an den aufsteigenden Luftbläschen und griff dann mit der Linken nach dem abdriftenden Agenten. Mit kraftvollen Bewegungen, die seinem Alter zu trotzen schienen, beförderte er sie beide schließlich nach oben. Prustend und hustend durchstießen sie das übelriechende und eiskalte Nass.

Grand blickte sich um. An den Wänden der Halle – anders konnte man den riesigen Raum mit dem nicht minder weitläufigen Abwasserbecken nicht nennen – glimmten schwach einige Plasmalampen. Das erklärte auch, warum er überhaupt etwas sehen konnte. In deren Widerschein entdeckte er seinen Zylinder, der in aller Seelenruhe auf der Wasseroberfläche vor sich hin trieb. Ein Schlag mit den Beinen brachte ihn näher heran und keine Sekunde später saß der Zylinder wieder an seinem angestammten Platz.
“Dort ist ein Rand. Nur wenige Meter vor uns.” Grand deutete auf den kleinen Absatz, der im schwachen Licht kaum auszumachen war.
Eric nickte schwach. Dann schaute er sich suchend um. “Wo ist Mr. Ferret?” fragte er besorgt. “Ist er noch nicht wieder aufgetaucht?”

Als wäre das sein Stichwort gewesen, durchbrach ein schäbiger Bowler mit traurigem Glucksen die trübe Oberfläche des Wassers und dümpelte inmitten von einigen zähen Blasen traurig vor sich hin.
Einen Moment lang starrten Eric und der Pater verständnislos auf die konzentrischen Kreise um die Kopfbedeckung, dann sahen sie sich an.
“Aber …”, setzte Eric an, doch der Pater schüttelte den Kopf. “Wir finden ihn in dieser verdammten Brühe nie, wenn er es nicht allein schafft”, stellte er nüchtern fest. “Sehen wir zu, dass wir hier raus kommen. Hier können wir uns wer weiß was holen.”
Grand wandte sich ab und schwamm mit entschlossenen Zügen auf den nahen Absatz zu, um sich gleich darauf aus dem stinkenden Teich zu stemmen. Eric warf dem traurig wippenden Hut noch einen letzten, erschütterten Blick zu, dann folgte er dem Pater. Keuchend, würgend und abwechselnd ausspuckend saßen sie schließlich nebeneinander auf den von schleimigen Ablagerungen bedeckten Steinen am Rande der unterirdischen Wasserfläche.
Erst jetzt, als sich die zäh schwappende Brühe langsam beruhigte, wurde ihnen das ganze Ausmaß der Halle bewusst.
Der von kränklichen Schaumflocken bedeckte Wasserspiegel erstreckte sich in drei Richtungen bis in undurchdringliche Finsternis, die von den vereinzelten, trüben und altersschwachen Plasmalampen eher akzentuiert als verdrängt wurde. Gespenstische Stille herrschte hier unten, tief in den Eingeweiden von Orums Lot, die durch das ferne Rauschen einzelner Zuflüsse noch verstärkt wurde. Trotz der Weitläufigkeit strahlte der ganze Ort eine bedrückende, fast klaustrophobische Atmosphäre aus. Vom schier überwältigenden Gestank ungeklärter Abwässer ganz zu schweigen.

Schließlich, mit einem letzten, angewiderten Spucken, wandte sich Eric an seinen Begleiter: “Pater, was Mr. Ferret betrifft, sollten wir…?”
“Nein, Sir”, Grand winkte ab. “Es gibt nichts, das wir…”

Ein Geysir stinkenden, sämigen Wassers brach aus der beinahe zur Ruhe gekommenen Oberfläche des Sees. So heftig war die Eruption, dass sie erst an der hohen, gewölbten Decke brach und Grand und Eric mit einem heftigen, einem Platzregen gleichen Schwall übergoss. Und aus der Mitte dieser Fontäne wurde ein dunkler Körper herausgeschleudert, prallte mit einem Übelkeit erregenden Knirschen auf eine der mächtigen Backsteinsäulen und klatschte schließlich ein Dutzend Schritte links der Männer auf den Absatz, wo er reglos und verdreht liegen blieb.
Doch noch ehe sie zu einer Reaktion finden konnten, schossen weitere Dinge aus dem tosenden Vorhang herabfallenden Wassers.
Schlangengleiche, wurmgleiche Dinge diesmal.
Dutzende langer, sich windender, peitschender Seile, von der Dicke eines Fingers bis zum Umfang eines Männerschenkels. Den Fangarmen von Kraken gleich, wenn auch ohne Saugnäpfe und von einer gallertartigen Transparenz, schossen sie auf die beiden Männer zu.

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Dieser Eintrag wurde geschrieben am Freitag, Mai 1st, 2009 um 00:01 in der Kategorie Kapitel 2. Reaktionen zu diesem Eintrag können Sie mit dem RSS 2.0 Feed verfolgen. Die Kommentare für diese Seite sind geschlossen.

4 Kommentare bisher

 1 

Ich hatte ja fast damit gerechnet, dass sie in einem großem Müllschlucker landen, weil ich nach dem Lesen des letzten Abschnitts einen Star Wars Moment hatte *g*

Aber ich hoffe sehr, Mr. Ferret ist nicht tot. Der ist der interessanteste Charakter von den drei.

Mai 1st, 2009 at 10:41
Tom
 2 

Also… Müllschlucker ist ein gutes Stichwort…

Mai 1st, 2009 at 13:39
 3 

“3PO! Deaktiver sämtliche Müllpressen! 3PO!”
Das ist ja schon keine Remniszenz mehr, das ist ja schon eine Hommage… :-)

Gut, daß der Pater seine Hoegel festgehalten hat.

Mai 3rd, 2009 at 11:46
 4 

Mal sehen, mal sehen …
;)

Mai 3rd, 2009 at 14:56

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