Unzählige Kilometer erstreckten sich die Gänge der Kanalisation unter den Straßen der Stadt. Manche waren gerade hoch genug, dass man gebückt stehen konnte, andere so breit, dass zwei Kutschen nebeneinander darin hätten fahren können. Sie waren nur ein kleiner Teil des weit verzweigten Netzes aus ehemaligen Bergwerksstollen, Versorgungs- und Entwässerungsschächten, alten Kellern, Wasserrohren und den Tunneln der unterirdischen Bahn, die Steamtown unterhöhlten wie eine zweite Stadt. Das Betreten war streng verboten, denn an vielen Stellen waren die Tunnel vom unablässig sickernden Grundwasser durchweicht und es herrschte Einsturzgefahr. Und selbst erfahrene und umsichtige Kanalarbeiter waren schon in den weit verzweigten Gängen verunglückt und nie wieder aufgetaucht. Und dann gab es da noch die Geschichten…

Eric tastete sich vorsichtig durch das schmutzige Rinnsal, das träge unter seinen Füßen dahinfloss. Das Licht seiner Laterne warf unheimlich verzerrte Schatten auf die Wände und verlieh ihnen ein eigentümliches Eigenleben. Seit sie hier unten angekommen waren, hatte er das Gefühl, als wären sie nicht allein unterwegs. Jedes mal, wenn er ein Plätschern hörte oder ein anderes ungewöhnliches Geräusch vernahm, zuckte er zusammen und tastete beinahe unwillkürlich in der Innentasche seiner Jacke nach dem Griff des Revolvers, der ihm ein beruhigenden Gefühl der Sicherheit vermittelte. Grand und Ferret schien die unheimliche Atmosphäre dieses Ortes nichts anhaben zu können. Letzterer lief unbeirrt wie ein Automaton voran und hielt nur gelegentlich inne, wenn Grand sich nach unten beugte, um die Spur zu überprüfen, oder auf eine Abzweigung zu deuten.

Plötzlich war ein einzelnes, lautes Platschen hinter ihnen zu vernehmen, als würde etwas Schweres zu Boden fallen. Eric spürte einen heftigen Schlag gegen seine Schulter und die Laterne wurde ihm aus der Hand gerissen und zerschellte am Boden. Mit einem Mal wurde es pechschwarz um ihn herum. Ein weiterer Schlag gegen seine Beine ließ ihn das Gleichgewicht verlieren und mit dem Gesicht voran in die Abwasserrinne stürzen. Die stinkende Brühe stieg ihm in Mund und Nase und raubte ihm den Atem. Panisch wälzte Eric sich auf den Rücken, riss den Revolver aus der Tasche und schoss blind in die Dunkelheit.

Grand wurde durch den Schuss völlig überrascht, da er sich gerade auf die Suche nach weiteren Hesiodplasmonen konzentrierte. Seit der letzten Abzweigung waren diese immer seltener geworden und es wurde deutlich, dass die Spur so langsam aber sicher versiegte. Trotzdem reagierte er pfeilschnell. Durch sein Okular erkannte der Pater um sich herum die leuchtenden Plasmonen, die durch die Angreifer und den Kampf aufgewirbelt wurden. Dadurch vermittelte sich ihm trotz der Dunkelheit ein einigermaßen brauchbares Bild der Situation. Er nahm den Gegner ins Visir, der Eric gerade niedergestreckt hatte, drückte den Auslöser seiner 22er Hoegle … und traf. Mit einem spitzen Schrei wurde der dunkle Körper nach hinten gegen die Wand geschleudert, sank daran herab und regte sich, abgesehen von ein paar Zuckungen, nicht mehr.
Mit zwei Schritten war Grand bei Eric und half ihm hoch.
“Das ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt für ein Bad, Sir. Es kommen noch mehr. Und es sind zu viele, als das wir den Weg zurück nehmen könnten, den wir gekommen sind. Wir sollten zusehen, dass wir von hier verschwinden.”

“Zu spät”, flüsterte Mr. Ferrets trockene Stimme dicht hinter ihnen.
Im selben Moment spürte Grand ein Gewicht, dass ihn wie ein Sack voller Backsteine zwischen den Schulterblättern traf und ihn seinerseits auf den stinkenden Boden warf. Der Zylinder samt Okular wurde ihm dabei vom Kopf gestoßen. Doch noch ehe er sich in der alles umfassenden Dunkelheit herum wälzen konnte, verschwand das Gewicht so plötzlich von seinem Rücken, wie es gekommen war. Fast im gleichen Augenblick noch ertönte ein feuchtes Knirschen der Qualität, wie man es zu hören erwartete, wenn ein Schwein unter die Räder eines Schienenwagens geriet und dann fiel etwas Schweres neben Grand in das Rinnsal.
“Sie verstecken sich in den Schächten in der Decke”, sagte Ferret und drängte Eric an die Wand des Tunnels. “Mister Van Valen, ducken Sie sich!”
Das Platschen von Schritten war zu hören, dann ein heiserer Aufschrei, das Kratzen von Metall auf Stein und weitere Geräusche, als schlage jemand mit einem Hammer auf das bereits überfahrene Schwein ein. Fieberhaft tastete Grand nach seinem Zylinder, bis ihm schließlich dessen Rand unter die Finger kam. “Und Sie haben Recht, Pater. Es sind zu viele. Nehmen Sie Mister Van Valen und laufen Sie. Ich folge Ihnen.”

Ein weiteres Wutkreischen erklang, brach jedoch in einem abrupten, hässlichen Knirschen ab und mit einem leisen Platschen fiel ein weiterer Körper zu Boden.
“Mister Van Valen, strecken Sie ihre Hand aus, damit sie der Pater erfassen kann. Dann folgen Sie ihm. Ich stimme Grand zu: Wir können nicht hier bleiben. Ich sehe mindestens zwei Dutzend! Schnell jetzt!”
Klatschende Schritte kündeten schon von neuen Gegnern in der Finsternis.
Fluchend stemmte sich Pater Grand auf die Füße, rammte sich seinen Zylinder auf den Kopf und klappte abermals das Okular herunter.

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Dieser Eintrag wurde geschrieben am Montag, April 27th, 2009 um 00:01 in der Kategorie Kapitel 2. Reaktionen zu diesem Eintrag können Sie mit dem RSS 2.0 Feed verfolgen. Die Kommentare für diese Seite sind geschlossen.

8 Kommentare bisher

TPF
 1 

Cool, endlich Action! :-)

Was mir noch auffällt: Ich halte es für unrealistisch, daß der Zugang zur Kanalisation für JEDERMANN verboten ist. Gewiß gibt es die erwähnten Kanalarbeiter sowie Angestellte der Untergrundbahn, die zu Wartungs- und anderen Arbeiten die Kanalisation betreten?
Verschrobene, lichtscheue Gesellen…

Vielleicht ist es auch eine Strafarbeit, zu der verurteilte Schwerverbrecher verdonnert werden? “Entweder 10 Jahre Zuchthaus oder 2 Jahre Kanalarbeiter!”

April 27th, 2009 at 19:44
Tom
 2 

Natürlich. Der Zugang ist für halt für alle verboten, außer für die, denen er erlaubt ist.
Oder die von offizieller Seite aus dazu gezwungen werden. ;)

Das mit den Sträflingen gefällt mir irgendwie. Ist aber vielleicht unrealistisch, wo verbrecherisches Gesindel doch ohnehin dazu neigt, in den Untergrund abzutauchen. Das würde es diesen Leuten doch ein wenig ZU einfach machen, oder? *g*
Trotzdem ein schönes Strafmaß. Besonders für Checkbetrüger, Versicherungsvertreter und ähnliche nicht gewalttätige Verurteilte. Schöner Gedanke…

April 27th, 2009 at 19:59
André S.
 3 

Schön schön :)
Freue mich schon auf die nächste Episode.
Macht weiter so. :)

Ach, und die Navigation ist auch toll geworden.

April 27th, 2009 at 20:32
 4 

Öhm, ja, ich würde mir das mit der Einsturzgefahr nochmal überlegen… bei so breiten Gängen kommt mir da das Stadtarchiv in Köln stets in den Sinn…
Außer die ganze Stadt ist natürlich einsturzgefährdet… aber welcher, der klar bei Verstand ist, hält sich dann da noch auf? Und würde - vor allen Dingen deshalb - den Zugang zu den Kanälen verbieten?
Also… mir fehlt da ein wenig die Logik… ^^;

April 27th, 2009 at 21:26
Stephan
 5 

Besten Dank. Die Navigation ist für Neueinsteiger aber auch wirklich mehr als unübersichtlich gewesen. Von daher war der Hinweis Gold wert.

April 27th, 2009 at 21:29
Tom
 6 

Da kann man nur auf das heutige New York hinweisen.
Da IST das nämlich so. weshalb für Normalbürger das betreten der Tunnel eben strengstens verboten ist. Und in anderen Städten, wie Rom, Paris, London und einer ganzen Reihe deutscher Städte ist es ebenso. Ich war bereits in Kellern, in denen ein Statiker Schreikrämpfe hätte kriegen können (vermutlich aber aus Angst, der Laden fällt ihm auf den Kopf, doch unterlassen hätte). Es gibt Stadtviertel in z.B. Berlin, die zumindest ich nicht ohne ein flaues Gefühl im Magen betreten kann. Insofern - so unlogisch ist das nicht. *g*

April 27th, 2009 at 21:45
 7 

Dann glaub ich das jetzt mal…
und könnte mich tausenden von Amerikanern mit ihren verschwörungstheorien anschließen… :
In der New Yorker Kanalisation ist eigentlich ne Steamtown versteckt… (Ok, das ist neu und gerade von mir erfunden worden… auch wenns sicherlich Stoff fürn Buch wäre… hat jemand interesse?)

April 30th, 2009 at 23:00
Tom
 8 

Ich empfehle zu dem Thema das Buch: “Tunnel- Menschen. Das Leben unter New York City” von Jenifer Toth.
Oder - einer meiner Favoriten - “Attic”, von Douglas Preston und Lincoln Child.
Du wirst staunen, wie nahe das deiner Idee kommt.
http://www.amazon.de/Tunnel-Menschen-Leben-unter-York/dp/3861530791
Nebenbei fällt mir natürlich auch noch “Neverwhere” von Neil Gaiman ein. Diesmal halt London Below. *g*
;)

April 30th, 2009 at 23:09

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