Pater Grand schnäuzte geräuschvoll in ein Taschentuch, in dessen Ecken jeweils ein kunstvoll gesticktes „E“ als Verzierung angebracht war, bevor er es betont lässig zurück in seine Hosentasche stopfte.
„Wenn Sie mir dann einmal aus der Sonne gehen wollen, Sirs. Sie sind bei weitem nicht so durchsichtig wie das Chiffon-Jäckchen einer billigen Straßendirne, außer meine Augen würden mich gewaltig täuschen.“
Die Frage des Pathologen überging er jedoch geflissentlich. Es interessierte ihn nicht, wer etwas von ihm wissen wollte oder nicht. Er war hier, um seinen Job zu machen und das tat er keineswegs mit Begeisterung. Der Pater wartete, bis sich der Pathologe und Ferret erhoben und zur Seite getreten waren. Dann beugte er sich seinerseits über die verstümmelte Leiche.
Sofort stieg ihm der markant süßliche Geruch des blutigen Kadavers unverweht und unüberdeckt ins Gesicht. Ein Anflug von Ekel, den er die meiste Zeit am Tatort erfolgreich unterdrückt hatte, machte ihm umgehend zu schaffen, doch mit einer kurzen Anstrengung wischte er das unerwünschte Gefühl beiseite. Je schneller er hier fertig war, desto eher konnte er sich anderen, hoffentlich erfreulicheren Dingen widmen.
Mit einer geübten Bewegung griff er nach dem Okular an seinem Zylinder und klappte es nach unten vor sein linkes Auge. Sofort verschob sich sein Blick von der gewohnten Sicht in eine diffuse, mit grünlichen Sprenkeln versehene Optik, in der die Ränder der vor ihm liegenden Leiche ausfransten und unscharf wurden. Dafür traten nach und nach die leuchtenden Partikel deutlicher in Erscheinung, bis er schließlich sogar unterschiedliche Einfärbungen ausmachen konnte.
Vom Brustkorb stiegen die frischen graugrünen Nekroplasmonen auf, die Ferret mit seinem Finger in der Wunde hinterlassen hatte, sowie die etwas älteren silbergrünen Plasmonen der Flechette-Ladungen. Diese stammten schließlich aus der letzten Nacht.
An den faserigen Wundrändern leuchtete es leicht gelblich. Plasmaverbrennungen. Er war kein Waffenexperte und schon gar kein Ballistiker, aber das sah nach einer zweiundzwanziger Hoegle aus, der Standardbewaffnung der Polizeikräfte. Sie wurde eingesetzt, um die kriminellen Subjekte für die Festnahme zu betäuben. Seltsam. War das Opfer gestern Nacht auf einen übellaunigen Polizisten getroffen? Unwahrscheinlich.
Nach und nach untersuchte er den ganzen Körper und ließ keinen Zentimeter aus. Nichts. Also nichts besonderes, das auf einen ungewöhnlicheren Tod als den hier vorliegenden deutete. Er wollte sich gerade abwenden und die letzte Segnung vorbereiten, die jedem Verstorbenen zustand, egal wie er zu Tode gekommen war, da fiel ihm ein einzelnes, seltsames Glitzern ins Auge.
Hektisch fixierte Grand das Okular auf die Stelle, an der ihm das Glitzern aufgefallen war, verstellte mit einem kleinen Hebel den Fokus. Da! Da war es wieder. Ein schwärzliches Schimmern, direkt an der Schnittwunde im hinteren Brustkorbbereich. Er glaubte seinen Augen nicht zu trauen. Das war unmöglich. Völlig unmöglich. Was er hier sah, war ein einzelnes Hesiodplasmon.
Etwas, was es hier überhaupt nicht geben durfte. Geben konnte.
„Verfluchte Heiligkeit“, entfuhr es ihm.
Hesiodplasma war die reinste Form des energetischen Aethers. Kraftvoll, urgewaltig und … gefährlich. Mit einem Mal bekam die Theorie Ferrets einen ungesunden Beigeschmack.
Sorgfältig untersuchte Grand die direkte Umgebung, ohne die anderen über seine Entdeckung zu informieren. Langsam stand er auf, den Blick fest auf den Boden gerichtet. Nur zwei Fuß von der Leiche entfernt fand er ein weiteres Plasmon, ein drittes an der Backsteinwand auf der gegenüberliegenden Seite. Wenn man wusste, worauf man achten musste, war es eigentlich ganz einfach. Grand achtete nicht auf die verdutzten Blicke der Umstehenden, sondern folgte weiterhin der dürftigen Spur. Schließlich fand er das letzte Plasmon an einem einsamen Gullideckel am Rande des Tatorts. Ein stinkendes Rinnsal, dessen Ursprung irgendwo in der Gasse in der Nähe lag, floss hier in die dunkle Kanalisation von Steamtown ab.
Tags: Hartlefield, Mr. Ferret, Pater Grand, Pathologe

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