Archiv für April 13th, 2009
Kapitel 1-10
“Nur nicht so schüchtern, Pater. Der Kerl hier beißt nicht mehr”, sagte Mr. Ferret und winkte den missmutigen Kaplan an seine Seite.
Den widerwärtig süßlichen Gestank nach Innereien, der sich mit dem metallischen Geruch von trocknendem Blut vermischte, schien er nicht wahr zu nehmen. Im Gegensatz zu den um ihn herum arbeitenden Spezialisten der Polizei trug er keine Gesichtsmaske, die jene, beträufelt mit einer Mischung aus Minze und Kampfer, als Mittel gegen den betäubenden Gestank nutzten. Gleichmütig wedelte er die Schwärme von Fliegen aus dem Weg, die sich bereits jetzt auf den Überresten des unglückseligen Hartlefield versammelt hatten, allen Bemühungen zweier grünlich-blasser Polizisten mit Fächern zum Trotz.
“In Ordnung”, wandte er sich an den Pathologen der Polizeitruppe, der mit einer langen Pinzette zwischen den Pflastersteinen rund um den Toten herum stocherte und einzelne Reste daraus hervor holte. “Zeigen Sie dem Pater, was wir gefunden haben.”
Der Uniformierte, ein kleiner Mann in den späten 50ern mit ausgesprochen schuppigem Haar, das er mit viel Brillantine auf seinen Schädel betoniert hatte, nickte und winkte Siberius näher zu sich.
“Sehen Sie sich das an, Pater”, er deutete auf drei tiefe Einschnitte in der Taille des Toten, die trotz der verheerenden Flechette-Wunden noch erkennbar waren. “Gehen glatt durch. Das war nicht unser gewöhnlicher Messerstecher. Dafür braucht man Kraft. Das macht man nicht mal eben so mit links. Nicht mal ein kräftiger Kerl wie Sie.”
Sein Blick fiel auf Siberius’ linken Arm und er wirkte plötzlich peinlich berührt, als er diesen zum ersten Mal bewusst wahrnahm. “Nichts für ungut, Pater. Aber sehen Sie mal hier. Noch mehr von diesen Messerwunden. Insgesamt habe ich bereits ein Dutzend gezählt, und das, ohne den Toten zu bewegen.”
Mr. Ferret war inzwischen von der anderen Seite an den Leichnam herangetreten und hatte sich, hockend, vorgebeugt, bis seine Nase nur Zentimeter der Stelle entfernt war, an der sich einst Hartlefields Brustkorb befunden hatte. In den Augen Grants und der umstehenden Polizisten nahm seine Ähnlichkeit mit einem Aas fressenden Vogel damit beinahe schon groteske Ausmaße an. Er schob seine langen Finger tief in die Wunde, um sie auseinander zu ziehen.
“Sehen Sie das, Grand? Der Schnitt geht glatt durch bis an die Wirbelsäule. Alle drei Schnitte, um genau zu sein. Nur wenig mehr, und wir müssten hier zwei Fundorte absperren lassen. Jeden für eine Hälfte. Für mich sieht das nicht nach einem Messer aus”, sagte er mit einem Seitenblick auf den missmutigen Pathologen, “sondern als hätte jemand versucht, den guten Mann mit einem Schwert zu zerhacken. Einem Militärsäbel vielleicht.”
Der Pathologe schnaubte abfällig.
“Einem Säbel? Kommen Sie, Ferret. Niemand läuft mit einem Säbel durch die Stadt und hackt auf unsere Bürger ein!”
“Ah”, entgegnete Ferret vollkommen ernst und hob einen blutigen Finger. “Und niemand läuft durch die Stadt und beschießt einen bereits fast halbierten Sterbenden mit einem halben Dutzend Flechette-Ladungen. Wie konnte ich nur auf diese Idee kommen.”
Der Pathologe schnaubte erneut, wandte sich statt einer Entgegnung jedoch Grand zu. “Sie sind Aetheromant, Sir? Würden Sie sich dann mal bitte den Tatort ansehen? Das ist leider noch nicht geschehen. Enswitch, unser eigener Mann, ist leider… nun, sagen wir ‘indisponiert’. Das kann noch eine Weile dauern.”
Er deutete mit dem Daumen über die Schulter zu einem korpulenten Polizisten, der sich schwer an einem nahe stehenden Laternenmast abstützte und so aussah, als müsse er sich jeden Moment wieder übergeben. Was angesichts der Größe der Lache zu seinen Füßen allerdings eher unwahrscheinlich war.
“Würden Sie mir bitte berichten, was Sie sehen?”
Tags: Hartlefield, Mr. Ferret, Pater Grant, Pathologe

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