Mr. Ferrets Knopfaugen huschten über die massige Gestalt des Neuankömmlings und seine Miene verdüsterte sich für einen Moment. Was kein schöner Anblick war. Dann jedoch fand er sein seltsames Lächeln wieder. “Ah. Pater Grand. Willkommen in unserer illustren Runde”, sagte er mit seiner leisen, raspelnden Stimme. “Dem Ministerium muss ja wirklich an der reibungslosen Aufklärung dieses Unfalls hier gelegen sein, wenn es solch fähige Männer wie uns auf darauf ansetzt.”
Er wandte sich abermals O’Donohue und Eric zu: “Chief Inspector, Sir, darf ich vorstellen: Pater Grant, Ministerial-Kaplan im Dienst unserer Behörde, Ihnen vermutlich nicht unbekannt durch den Arminton-Vorfall. Der gute Pater gilt als ein wenig reizbar, aber ich hatte schon das Vergnügen, mit ihm zusammen zu arbeiten. Als Aetheromant zumindest ist er sehr brauchbar. Und wenn er hin und wieder jemandem die Nase bricht, dann sollte man ihm das nicht übel nehmen. Hat wohl mit seiner Profession zu tun.” Er machte mit einem seiner Spinnenfinger eine kreisende Bewegung vor seiner Schläfe, bei der nicht ganz klar war, ob er damit auf das Plasma-Okkular auf dem Kopf des Paters hinwies, er damit dessen klerikalen Stand verdeutlichen wollte oder etwas ganz anderes andeutete.
“Aber genug geschwatzt”, unterbrach er sich eilig, als er den Ausdruck im Gesicht des Paters sah. “Wir ham noch viel zu tun. Pater, wenn ihr dann so gütig wärt, und einen fachkundigen Blick auf unseren ausgeweideten Freund werfen würdet? Er wurde mit einer Flechette beschossen, Chief Inspector. Soviel ist sicher.”
“Mit einer Flechette erschossen?” fragte der Chief Inspector ungläubig. Diese Waffen waren selten und verboten in Steamtown, da schon ein Streifschuss grässlichste Verstümmelungen nach sich zog. Allein der Besitz eines solchen Instrumentes, dessen Lauf Hunderte winziger, scharfkantiger Metallsplitter statt eines einzelnen Projektils verschoss, wurde schwer bestraft.
“BE-schossen”, korrigierte Mr. Ferret fröhlich. “Ob das die Todesursache war, wissen wir noch nicht. Ich habe eine ganze Handvoll Splitter geborgen. Da hat es jemand gut gemeint und ein volles Magazin in den Leib des Entleibten gepumpt. Ich werde sie mir später noch genauer ansehen, dann kann ich Ihnen vielleicht sagen, welcher Waffentyp. Interessanterweise weist er jedoch auch Plasmaverbrennungen auf. Und unter dem Gehackten der Flechettes finden sich Schnittwunden, von denen euer Leichenbeschauer schwören mag, es handle sich um Messerwunden.” In dieser letzten Aussage schwang hörbar Zweifel mit. “Da haben wir drei mögliche Todesursachen. Ziemlich viel Aufwand, wenn mich jemand fragen sollte. So, Pater, kommen Sie? Ihre Meinung ist gefragt.”
Pater Grand warf dem dünnen Mann einen ärgerlichen Blick zu.
“Wie könnte ich so einer charmanten Einladung nicht folgen, Ferret. Schöner Anzug im übrigen. Wieder beim Leichenausstatter gewesen?”
Die Worte troffen nur so vor Sarkasmus und doch war sich der Pater sicher, dass sie auf Ferret keine Wirkung hatten.
Trotzdem, er konnte den Mann einfach nicht leiden und warum mit seiner Meinung hinter dem Berg halten? Brachte nichts. Vor allem Grand nicht, auch wenn ihm dieser Wesenszug in der Vergangenheit durchaus das ein oder andere Mal eine gehörige Portion Ärger eingebracht hatte.
Grand hatte einfach kein Fable für diese Sorte von Mensch, wie Ferret einer war. Wobei Mensch nicht wirklich der richtige Ausdruck für so eine erbärmliche Kreatur war. Widernatürlich traf es besser. Nur gut, dass es nicht allzu viele von diesen Typen gab.
Mit einem unwilligen Knurren drehte sich der Pater um und wollte sich der ausgeweideten Leiche zuwenden, ohne den Chief-Inspektor oder den jungen Agenten weiter zu beachten.
O’Donohue schaute Ferret und Grand stirnrunzelnd hinterher. „Das gleiche Schema“, murmelte er leise.
„Wie bitte?“ fragte Eric.
„Nichts, Sir, nichts.“ Der Chief Inspector strich sich über die Halbglatze. „Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf, Mr. Van Valen“, sagte er zu dem jungen Mann gewandt, „Seien Sie auf der Hut. Vertrauen Sie niemandem…“
In der Zwischenzeit hatte der Ikonograph seine Bilder vom Tatort fertig entwickelt. Mit einem weißen Seidentuch tupfte er behutsam die letzten Plasmatröpfchen fort, die zwischen Bildempfängerschicht und Deckblatt hervorgequollen waren. „Bitte die Oberfläche nicht mit der Hand berühren“, ermahnte er den Chief Inspector als er ihm die Fotos mit einer Pinzette reichte. „Sonst könnten die Bilder hässliche Flecken bekommen – nicht, dass das bei diesem Anblick einen Unterschied machen würde.“
„Der Mann wurde als ein gewisser John Walter Hartlefield identifiziert. 43 Jahre, Buchhalter in der Steamtown Power Transmission Ltd.“ O’Donohue deutete auf eines der Fotos, das eine Großaufnahme von dem entstellten Gesicht des Mordopfers mit vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen zeigte. „Wohnhaft in 7 Flan Close, Bakers Grove. Verheiratet und… sechs Kinder. Donnerwetter! Die können einem wirklich leid tun.“ Er reichte das Bild an Eric weiter. „Ist Ihnen der Mann bekannt?“
Eric genügte nur ein kurzer Blick, um erneut bittere Galle in sich aufsteigen zu spüren. Er würgte und lenkte sich ab, indem er sich auf das träge Spiel einer dicken, bunt schillernden Fliege konzentrierte, die, offenbar satt und zufrieden mit sich und der Welt, die ihr hier so reichlich Nahrung spendete, auf dem Geländer der Treppe herumturnte. „Nein. So etwas habe ich… ich meine… der Mann sagt mir nichts.“ erwiderte er schwach.
„Wie üblich ist die Presse schon besser informiert als die Familie. Wir müssen der Ehefrau noch die Nachricht überbringen und sie gleichzeitig dazu bewegen, uns einige unangenehme Fragen zu beantworten.“
„Sie meinen, weil es sich um ein Eifersuchtsdrama handeln könnte?“
Der Chief Inspector schaute Eric merkwürdig an. „Die Rache einer betrogenen Ehefrau kann in der Tat furchtbar sein“, erwiderte er trocken. „Aber die jahrelange Diensterfahrung sagt mir, dass wir in diesem speziellen Fall getrost in eine andere Richtung ermitteln können.“
Tags: Eric Van Valen, Mr. Ferret, O'Donohue, Pater Grand

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