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Die Polizei hatte den Platz um die Baker’s Hall großräumig abgeriegelt und den Haufen Schaulustiger, der sich trotz des unablässigen Nieselregens eingefunden hatte, nicht gerade sanft hinter die Absperrungen zurück getrieben. Der Beamte, der Eric hindurch winkte, machte sich nicht die Mühe, das Absperrband für ihn anzuheben. Deutlich konnte man an seiner Miene die Abneigung gegen Mitarbeiter des Ministeriums ablesen. Als Eric ihn nach dem Einsatzleiter fragte, zeigte er nur wortlos über die Schulter und spuckte ihm beiläufig einen Priem übel riechenden Kautabaks vor die Füße. Eric ignorierte diese offensichtliche Beleidigung höflich und wandte sich in die angezeigte Richtung.

Am Fuß der Treppe zur Gildenhalle, durch Leinentücher von den neugierigen Blicken der Schaulustigen abgeschirmt, hatte sich eine kleine Gruppe von Männern um einen unförmigen Haufen herum versammelt. Eine ungewöhnliche Ernsthaftigkeit und bedrückte Stimmung schien die Anwesenden allesamt ergriffen zu haben. Als sie zurücktraten, um sich dem Neuankömmling zuzuwenden, gaben sie unvermittelt den Blick auf das Objekt ihres Interesses frei.

Was Eric zu sehen bekam, verschlug ihm den Atem. Sein Magen krampfte sich schlagartig zusammen und ihm blieb gerade noch Zeit, Halt am Geländer der Treppe zu suchen und sich darüber zu beugen, ehe sich auch schon der Inhalt seines Magens über die Stufen ergoss.

Nach heftigem Würgen und Husten konnte er sich schließlich so weit wieder fangen, um sich dem Einsatzleiter vorzustellen. Sorgfältig vermied er es, den Blick noch einmal auf das zu richten, was er gesehen hatte.
„Ich möchte mich für mein Verhalten entschuldigen“, murmelte er schwach. „Ich hoffe, ich habe Sie dadurch nicht in Verlegenheit gebracht.“
„Machen Sie sich nichts draus, Sir“, munterte ihn der leitende Ermittler auf. Chief Inspector O’Donohue war ein stämmiger Mann in den mittleren Jahren mit deutlich ausgeprägter Halbglatze und der irritierend hemdsärmeligen Art, wie sie der unteren Mittelschicht zu eigen war. Er klopfte dem leichenblassen jungen Mann mitfühlend auf die Schulter. „Dieser Anblick kann auch einen gestandenen Polizisten umhauen. So etwas sieht man nicht alle Tage. Ist definitiv nichts für schwache Nerven oder einen vollen Magen.“ Er nickte zu den anderen Anwesenden hinüber. „Die meisten von uns sind über diesen Anblick nicht gerade erfreut. Ihr Kollege ist der einzige, der damit ganz gut zurechtzukommen scheint.“
„Mein Kollege?“
„Der dünne Mann dort drüben. Ein ziemlich seltsamer Vogel, wenn Sie mich fragen. Ist mir nicht ganz geheuer. Sie sollten ihn im Auge behalten.“

Als hätte sie ihre Worte gehört oder zumindest ihre Blicke im Rücken gespürt, richtete sich die Gestalt auf, die da wie eine große, zerzauste Krähe neben den Überresten dessen hockte, das wohl einmal ein Mensch gewesen sein mochte. Nachlässig wischte sie sich die blutigen Hände an einem Tuch ab, das aus ihrer Manteltasche hing und wandte sich dann zu ihnen um.
Das erste, das Eric an diesem Mann auffiel, war, dass er dünn war. Hohlwangig wäre ein vielleicht treffenderer Ausdruck. Ausgezehrt sicherlich die bessere Formulierung.
Das zweite waren die Augen, die der junge Mann jetzt auf sich gerichtet fühlte. Sie waren kalt, leblos, wie die gläsernen Knopfaugen eines Stofftieres, das er einst als Kind besessen hatte. Eric brauchte einen Moment, um zu ermitteln, was ihm an diesen Augen so seltsam erschien und als er es in Worte fassen konnte, waren sie nicht weniger unheimlich. Die Augen dieses Mannes wiesen keinerlei Weiß auf. Schwarze Knopfaugen, wie die einer Ratte oder eines anderen kleines Nagetiers.
“Mister Ferret, Sir”, sagte der dürre Mann und streckte Eric eine noch immer blutbesudelte Hand entgegen. “Das ist eine hübsche Leiche, die sie hier haben. Ich gratuliere, Sir”, sagte er, an O’Donohue gewandt, und lächelte.
Das war das dritte, das Eric auffiel: Blendend weiße und absolut ebenmäßige Zähne, die so gar nicht zur etwas schäbigen Erscheinung des Kerls passten. Dadurch, dass sie allerdings ein wenig vor standen, wurde die Anmutung eines überdimensionierten Nagetieres noch verstärkt. Erst mit einem Augenblick Verspätung ging Eric auf, dass der Mann sich soeben vorgestellt haben musste.
“Ich nehme an, Sie sind der Mann vom Ministerium, Sir?” Die Knopfaugen waren wieder zu ihm zurück gewandert und das Nagetierlächeln folgte ihnen.
“Mr. Ferret, technischer Corporal der 2. Klasse, Sir, Dienstnummer 682-423877-32-06″ sagte der Rattengesichtige mit leise raspelnder Stimme und nickte in Richtung der Leiche. “So was sieht man nicht alle Tage. Eine interessante Arbeit. Wer immer das getan hat, befleißigt sich einer faszinierenden Mischung aus Präzision und Brutalität. Nicht viel übrig, was man noch verwenden könnte. Wobei mir Ihr Mann versichert, Chief Inspector, dass der Täter Glück hatte, überhaupt noch etwas zum Ermorden zu haben. Das Herz dieses Mannes sieht aus, als hätte er ohnehin nur noch Tage zu leben gehabt.” Mr. Ferret deutete dabei über seine Schulter zum Leichenbeschauer der Polizeibeamten, der soeben einen etwas grünlich aussehenden Ikonographen anwies, die notwendigen Bilder des Leichnams zu machen.

Ein leichter Tumult kam auf, als sich ein großer, breitschultiger Mann mit einem dunklen, langen Mantel durch die Menge schob. Auf dem Kopf trug er einen flachen Zylinder, an dessen Rundung ein auffälliges Okkular befestigt war. An Kragen seines schwarzen Hemdes blitzte ein ehemals weißes Stehbündchen.
Mit weniger Rücksicht als mit grober Bestimmtheit drückte er die neugierigen Gaffer beseite, puffte einem dort in die Seite, trat einem weiteren beherzt auf die Zehen, bis er schließlich beinahe zum Tatort durch gekommen war.
“Um Himmels Willen, lassen Sie mich doch durch. Ich bin Pater.” Dem letzten, besonders hartnäckigen Passanten, der ihm die Sicht versperrte und ihm an Körpergröße durchaus ebenbürtig war, herrschte er von der Seite an, bevor er ihm einen ordentlich Stoß verpasste.
“Beweg dich zur Seite, du Arschloch.”
Endlich im Zentrum der allgemeinen Aufmerksamkeit angekommen, glitt sein Blick über die geschäftigten Beamten und blieb schließlich an der verstümmelten Leiche hängen.
“Verdammte Sauerei”, fluchte er und spuckte geräuschvoll aus. “Welcher verfluchte Penner konnte sich denn hier nicht zurückhalten? Wie soll man denn da vernünftig seine Arbeit machen? Soll ich etwa einem Eimer Matsch die letzte Weihe verpassen? Eine Zumutung ist das.”
Erneut sah er sich um und prompt blieb sein Blick an dem jungen Agenten und seinem hohlwangigen Gesprächspartner hängen.
Gequält und genervt seufzte er auf, entschied sich dann aber doch auf den Frischling vom Ministerium zuzugehen.
Vor dem Chief-Inspektor und den beiden Männern blieb er stehen und bedachte sie mit einem geringschätzigen Blick.
“Sie sollen hier also das Leitkälbchen spielen, nehme ich an”, sagte er, in Richtung des jungen Agenten nickend, ohne auch nur die geringsten Anstalten zu machen, seinem Gegenüber die Hand entgegenzustrecken.

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Dieser Eintrag wurde geschrieben am Mittwoch, April 8th, 2009 um 00:01 in der Kategorie Kapitel 1. Reaktionen zu diesem Eintrag können Sie mit dem RSS 2.0 Feed verfolgen. Die Kommentare für diese Seite sind geschlossen.

9 Kommentare bisher

 1 

“Das ist eine hübsche Leiche, die sie hier haben. Ich gratuliere, Sir”

Ich gratuliere zu diesem Satz. Habe sehr gelacht *g*

April 8th, 2009 at 10:34
 2 

Ja, das ist schön! :-)

Das hier ist sicher ein Überarbeitungsfehler?
“beugen, ehe ER sich auch schon der Inhalt seines Magens über die Stufen ergoss.”

Schön wäre, wenn Du noch kurz auf die Gerüche eingehst. Ich finde, die werden viel zu oft in Büchern vergessen, weil wir so unbewußt riechen; ich kann aber nicht glauben, daß auf dem Platz nicht der durchdringende Gestank nach Blut, Gedärm und Exkrementen das Atmen schwer macht.
Schön fände ich auch alle Arten von Krabbelviech, das in einer Steamtown-Stadt bestimmt innerhalb von Stunden eine Leiche befällt. Schwärme von Schmeißfliegen, die ein armer Sergeant der Wache wegwedeln muß…

Stil: Ich finde die Formulierungen zur Gestalt am Anfang des Absatzes, in dem Ferret sich von der Leiche erhebt, vewirrend, weil es DIE Gestalt ist, aber es sich um einen Mann handelt. Ich würde des einfacheren Leseverständnis halber einfach von “dem Mann, der wie eine Krähe…” sprechen.

April 8th, 2009 at 13:54
Tom
 3 

Ah, guter Hinweis zu Mr. Ferret. Jetzt, wo ichs nochmal lese, seh ich’s auch. Okay.
Was das andere angeht - hat was. Schaun wir doch mal.

April 8th, 2009 at 15:16
 4 

“Vor den beiden blieb stehen und bedachte sie mit einem geringschätzigen Blick.”

würde ich zu einem “Er blieb vor den beiden stehen und bedachte sie mit einem geringschätzigen Blick.” machen… fehlende Worte irritieren etwas…

Was ist eigentlich so grausam an der Leiche? Details! ^^ (Geruch und Schmeißfliegen ok, aber was ist mit dem aussehen?)
Will auch wissen, was das für ne prächtige Leiche ist! :D

April 8th, 2009 at 17:51
Carsten
 5 

Hach, immer diese fehlenden Wörter.
Danke für den Hinweis, habs geändert.
;)

April 8th, 2009 at 18:32
Tom
 6 

Ihr wollt Details?
Keine Details bei den Protagonisten, aber sobald es an eine wirklich eklige Sauerei geht, dann wollt ihr natürlich Details. Und Entrails. In allen nur möglichen ebenso schillernden wie blutigen Einzelheiten. Und -teile. War irgendwie klar. Hätten wir uns eigentlich denken müssen. Pfui Bäh. ;)

April 8th, 2009 at 20:46
Carsten
 7 

Brot und Spiele. Wie im alten Rom.
;)

April 8th, 2009 at 22:08
 8 

Sure, was denkst du denn…
Wenn sich der Eric schon übergibt, machts die Leiche interessant, ansonsten wärs mir egal gewesen… :D
Ergo: Selbst schuld … ^^

April 8th, 2009 at 22:54
Tom
 9 

Na, schaun wir mal, was wir für euch tun können. ;)

April 9th, 2009 at 16:36

Die Kommentare sind geschlossen.