Die Büros in denen sich Eric um kurz vor elf Uhr einzufinden hatte, lagen im einzig repräsentativen Gebäudetrakt der Behörde. Kahle Wände waren hier durch edle Holztäfelungen ersetzt und geflieste Böden durch Marmor und weiche Teppiche, in denen die Schritte angenehm gedämpft erklangen. Hier und da waren kleine Tischchen und Ledersessel dezent in verschwiegenen Ecken drapiert und wer sich dort niederließ, wurde umgehend von Bediensteten mit Brandwein und anderen Annehmlichkeiten versorgt. Über allem lag ein dezenter Geruch nach teuren Zigarren, altem Geldadel und diplomatischen Verwicklungen.
Eric waren solche Räumlichkeiten nicht unvertraut, aber trotzdem fühlte er sich in ihnen nicht wirklich wohl. Ein gut meinendes Schicksal hatte ihn zwar in diese Welt hineingeboren und ihm ein sorgenfreies Leben sowie eine exzellente Ausbildung ermöglicht, verhinderte aber ironischerweise zugleich, dass er jemals ganz dazu gehören würde – oder überhaupt irgendwohin.

Ministerialrat Granville wusste dagegen genau, wo er hingehörte oder wo er noch hin wollte. Er stammte von einem der aufstrebenden neuen Adelsgeschlechter ab, die seit einigen Jahrzehnten maßgeblich die Geschicke des Landes mitbestimmten. Der dünne Mann mit dem sorgfältig gescheitelten Haar und dem goldenen Monokel hatte eine Ausbildung an der diplomatischen Universität genossen und war ein Meister in der Kunst der Etikette. Wenn es darauf ankam, konnte er die schönsten Schmeicheleien und Komplimente von sich geben, die ihn bei den selbstgefälligen Treffen der Gesellschaft zu einem gern gesehenen Gast machten. Unter der Hand munkelte man in der Behörde, dass er in den letzten Jahren das Licht der Sonne nicht mehr gesehen habe, so tief stecke er in den Allerwertesten der städtischen Honoratioren. Doch wenn er mit Untergebenen und seiner Meinung nach Tiefergestellten in der Hierarchie zu tun hatte, konnte Granville auch völlig anders sein. Unter den einfachen Agenten und Bediensteten galt er gemeinhin als die Personifizierung des Bösen oder, um es charmant auszudrücken, als ausgemachter “trou de cul”.

Eric konnte der Ministerialrat dagegen in keine seiner Schubladen so richtig einordnen. Aus diesem Grund bedachte er den jungen Mann vor seinem Schreibtisch lediglich einige wohl überlegte Minuten lang mit völliger Ignoranz, eher er die Schreibfeder sinken ließ und ihn durch sein goldenes Monokel geringschätzig musterte.
“Eric Van Valen, nehme ich an?” fragte er schließlich mit hochgezogener Augenbraue. Im Grunde eine unnötige Frage, da der livrierte Bedienstete ihn bereits bei seinem Eintreten vorgestellt hatte.
Eric nickte. “Ja Sir”, erwiderte er höflich. “Der bin ich.”

“Sie haben sicher in der heutige Zeitung über diesen Mordfall gelesen, Van Valen”, begann Granville ohne Umschweife. “Ein marktschreierischer, geradezu unverschämter Bericht, der nur so vor Unsachlichkeiten und Halbwahrheiten strotzt. Eigentlich kein Fall, mit dem sich das Ministerium herumschlagen sollte, zumal es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um nichts weiter als einen Straßenraub oder sonst eine lächerliche Lappalie handelt.”
Der Ministerialrat machte eine wegwerfende Handbewegung. “Aber ärgerlicherweise führen zwei Umstände dieser Tat dazu, dass sich offensichtlich gelangweilte Bürger nun berufen fühlen, eine größere Sache daraus machen zu wollen: Zum einen geschah die Tat direkt vor der Gilde der Bäcker und zum anderen war das Mordopfer ein Angestellter der Steamtown Power Transmission Ltd.”
Granville gab einen theatralischen Seufzer von sich. “Die Bürger haben das Vertrauen in die Arbeit der Polizei verloren und machen nun auch einflussreiche Persönlichkeiten in der Stadt unruhig. Sie kennen die derzeitige Situation, Van Valen: Die Opposition lässt keine Gelegenheit aus, um der Regierung Schaden zuzufügen. Selbst so eine unbedeutende Kleinigkeit könnte letzten Endes genügend Unheil anrichten, um die politische Ordnung empfindlich zu stören. Aus diesem Grund wurde das Ministerium dazu aufgefordert, eigene Ermittlungen anzustrengen.”
Granville zog eine Schublade seines Schreibtisches auf und entnahm ihr eine lederne Dokumentenmappe. “Da man Sie für einen zuverlässigen und loyalen Mitarbeiter hält, der aufgrund gewisser Fakten für diese spezielle Untersuchung geradezu prädestiniert erscheint, wurde Ihnen die Aufgabe übertragen, den Fall schnellst möglich aufzuklären. Man verlangt von Ihnen nichts weiter, als dass Sie den Mörder finden - oder zumindest irgend einen dahergelaufenen Straßendieb, der schuldig genug aussieht. Wir brauchen jemanden, der noch vor Ende der Woche am Galgen baumelt, damit das Volk zufrieden gestellt ist.”
“Sir?!”
“Schauen Sie mich nicht so entgeistert an, Van Valen. Das ist eben Politik. Machen Sie sich darüber keinen Kopf und finden Sie einfach Ihren Mann.” Granville schob die Dokumentenmappe über den Tisch und klopfte mit seinem dünnen Zeigefinger darauf. “Ich habe Ihnen zur Unterstützung zwei äußerst tatkräftige Mitarbeiter an die Seite stellen lassen. Mit Hilfe dieser beiden sollten Ihre Nachforschungen auf jeden Fall zu einem zufrieden stellenden Ergebnis kommen”, Er zog bedeutungsvoll eine Augenbraue nach oben. “Auf die eine oder andere Art…”

Tags: , ,

Dieser Eintrag wurde geschrieben am Montag, April 6th, 2009 um 00:01 in der Kategorie Kapitel 1. Reaktionen zu diesem Eintrag können Sie mit dem RSS 2.0 Feed verfolgen. Die Kommentare für diese Seite sind geschlossen.

8 Kommentare bisher

 1 

Komma: “Die Büros, in denen sich Eric um kurz vor elf Uhr einzufinden hatte, ”

“weiche Teppiche, in denen die Schritte angenehm gedämpft erklangen.” AUF denen? DURCH welche? Aber sicher nicht IN! :-)

“Ein gut meinendes Schicksal…” Ist das Schicksal den wohl meinend, wenn es ihn nirgends dazu gehören läßt? Doch wohl eher ein “launiges” oder eines mit Sinn für Ironie!

“wo er hingehörte UND wo er noch hin wollte”

Komma: “Personifizierung des Bösen, oder, um ”

Stil: “Im Grunde eine unnötige Frage, da der livrierte Bedienstete ihn bereits bei seinem Eintreten vorgestellt hatte.” Der Bedienstete hat Eric vorgestellt, als der Bedienstete eintrat? Oder wer?

Komma 2: “drapiert, und wer sich”

April 6th, 2009 at 17:07
Tom
 2 

Dochdoch, TPF. wenn Teppiche richtig weich sind, dann sagt man, dass Schritte IN ihnen gedämpft klingen. AUF ist nur bei billiger Behördengang-Auslegeware der Fall.

April 6th, 2009 at 17:31
Betti
 3 

Bezüglich des Schicksals muss ich mich TPF’s Meinung anschließen. Außerdem kann das Schicksal wohl dafür sorgen, dass man unter bestimmten Umständen geboren wird, aber vom Schicksal selbst geboren zu werden, erscheint mir doch ein recht seltsames Bild.

April 6th, 2009 at 17:48
Tom
 4 

Es gab auch zwei Männer, die von der Zeit selbst geboren wurden. Zumindest bei Herrn Pratchett. - Aber vermutlich ist es richtig, dass Erics Mutter eine nicht ganz so esoterische Persönlichkeit hatte, ja.
Wobei ich es nicht mit letzter Bestimmtheit sagen kann. Ist schließlich Stephans Figur. ;)

April 6th, 2009 at 20:13
Stephan
 5 

Zuerst einmal möchte ich mich für die Kommafehler entschuldigen, die mich, ebenso wie meinen Leidensgenossen Goethe, Zeit meines Lebens schon verfolgt haben. Aber im Gegensatz zu ihm habe ich die Chance, es irgendwann vielleicht noch mal zu lernen ;-)

Das gut meinende Schicksal war dichterische Freiheit (im Sinne von: Es hatte es ja nur gut gemeint) Wahrscheinlich würde ich es nach mehrmaligem Drüberlesen inzwischen auch umformulieren.

Und weiterhin besten Dank für Eure Kommentare und Anmerkungen. Die Meinungen sind zwar nicht immer gleich, regen aber immer direkt am “Tatort” zum Nach- und manchmal auch Umdenken an.

April 6th, 2009 at 20:19
 6 

Natürlich sind die Meinungen nicht gleich… wäre ja auch schlimm, wenn es so wäre… :D

Nun gut, der nächste betritt die Bühne… bin gespannt, ob das nun alle waren, oder ob da noch mehr hinzukommen…

April 7th, 2009 at 22:41
 7 

Da kommen bestimmt noch mehr! :-)

Übrigens bin ich nicht böse, wenn meine Meinung ignoriert wird.
Falls ich davon überzeugt wäre, es WIRKLICH besser zu können, würde ich ja selber schreiben! ;-)

April 8th, 2009 at 13:43
Tom
 8 

Neenee, TPF, deine Meinung wird genauso wenig ignoriert, wie alle anderen. *g*

April 8th, 2009 at 15:13

Die Kommentare sind geschlossen.