Der Mutantin war noch immer kein Zeichen der Ermüdung anzusehen. Jede der furchtbaren Verwundungen, die ihr die kleinere Gegnerin zufügte, steckte sie weg, als wären es nur oberflächliche Kratzer.
Ihr nächster eigener Angriff schließlich erfolgte so heftig, dass die graue Ratte nur mit äußerster Mühe ausweichen konnte - und auch nur, indem sie die Wand der Grube hinauf sprang und beinahe die Brüstung erreichte. Ihre Flucht wurde allerdings von einem der Männer Thurgoods mittels einer bereit gehaltenen Eisenstange vereitelt und sie stürzte wieder hinab in den blutgetränkten Sand. Fast sofort war der Koloss über ihr und als sich der beißende, tretende, kreischende Knoten aus Rattenkörpern das nächste Mal löste, hinkte die kleinere Ratte auf einem der Vorderläufe und der Großteil ihres Schwanzes hing nur noch lose an einem blutigen Fetzen Fleisch.
Johlende Zustimmung brandete auf und übertönte das Murren der wenigen Zuschauer, die wider besseren Wissens oder aus purer Verzweiflung auf die kleinere Ratte gesetzt hatten. Allem Anschein nach erlahmten die Kräfte der Grauen. Ihr Blut strömte aus zahlreichen Wunden und auch die beiden folgenden Vorstöße der Mutantin hatten weitere Verletzungen zur Folge. Auf den Gesichtern der wohlhabenden Wetter machte sich Zufriedenheit breit und der Ringträger schien bereit, sich abzuwenden, um seine Gewinne abzuholen, noch bevor der Kampf beendet war.
Es wurde Zeit für den dünnen Mann.
Beiläufig umfasste er mir der rechten Hand seinen linken Unterarm und tastete nach dem Knopf, den er unter dem Stoff seines Ärmels verborgen wusste. Gleichzeitig winkelte er die Linke unauffällig ab, bis sich aus der jetzt geöffneten Manschette ein kurzes Messingrohr hervor schob. Ein letztes Mal überprüfte er sorgfältig sein Ziel. Die verborgene Mechanik an seinem Arm war von unvergleichlicher Präzision und Wucht; allerdings enthielt sie nur ein einziges Projektil - um nachzuladen, müsste er Mantel und Hemd ausziehen. Er hatte also nur diesen einen Versuch. Und trotz der kurzen Entfernung war es beileibe kein einfacher Schuss.
Aber genau dieses Handikap war es, weswegen Thurgood ihn beauftragt hatte. Der dünne Mann zitterte nie und seine unheimlichen, schwarzen Augen verloren nie ihr Ziel. Grinsend bleckte er seine vorstehenden Zähne und betätigte den Auslöser. In diesem Moment johlte die Menge erneut begeistert auf. Und ein Ellenbogen traf den dünnen Mann an der Schulter und lies ihn zur Seite taumeln.
Er stolperte in den Arbeiter neben ihm, dann gegen das Geländer. Sein unfehlbarer Schuss war fehl gegangen!
Eine der jungen Adeligen auf der anderen Seite der Grube betastete verwirrt das winzige Projektil aus Kupfer und Glas, das über ihrem Korsett aus der seidenen Bluse ragte. Dann erfasste ein Zittern ihren Arm und der winzige Pfeil entglitt ihren plötzlich verkrampfenden Händen. Mit starrer Miene verfolgte der dünne Mann, wie das Beben auf den ganzen Körper der jungen Frau über griff. Ihr Kiefer verkrampfte, ihr Gesicht nahm eine zusehends ungesunde Färbung an und zwischen glitzernden Schweißperlen traten Adern deutlich sichtbar auf ihre Haut.
Das war… nun, das war nicht gut. Nein, ganz gewiss nicht.
Seine Augen irrten zu Thurgood, der ihm unwirsch bedeutete, endlich zu schießen. Nein, Thurgood konnte nicht wissen, dass der Schuss vertan war. Noch nicht. Leider würde sich das jeden Moment ändern.
Der Blick des dünnen Mannes huschte zu der jungen Dame zurück. Ihre Augen waren jetzt blutunterlaufen und Schaum trat in Flocken über ihre blutrot geschminkten Lippen. Endlich bemerkte einer ihrer Begleiter ihren Zustand und ergriff besorgt ihren Arm.
Und da brach mit einem gellenden Aufkreischen die Starre der Getroffenen und wie entfesselt stürzte sie sich auf den Adeligen und fuhr ihm mit ihren manikürten Nägeln ins Gesicht. Der Adelige stürzte und die Frau warf sich auf eine ihrer Gefährtinnen, riss sie an den Haaren zur Seite, schmetterte einem anderen ihrer Begleiter den Ellbogen auf die Nase und schleuderte beide von sich, als seien sie bloße Stoffpuppen. Dann stürzte sie sich mit ausgestreckten Krallenfingern und gebleckten Zähnen auf den nächststehenden Zuschauer.
Der dünne Mann fluchte leise. Gehetzt sah er sich um und schob sich von der Brüstung zurück. Die junge Dame würde nicht innehalten, alles anzugreifen, was sich bewegte, bis sie bewusstlos oder tot wäre. Und unter dem Einfluss der Droge war beides nur unter dem Einsatz schwerer Bewaffnung zu bewerkstelligen. Ein Desaster!
Die Droge war für eine Ratte bestimmt gewesen! Die kleinere Ratte, die unter ihrem Einfluss ihre größere Konkurrentin bis zur Unkenntlichkeit zerfleischt und damit Layton Thurgood unermessliche Wettgewinne eingebracht hätte. Jenem Layton Thurgood, der mit plötzlichem Erkennen im Blick zu ihm herüber sah, als oben die junge Frau im wachsenden Tumult ihr nächstes Opfer anfiel und unten in der Grube die Mutantin ihre Gegnerin und ein gutes Stück von Thurgoods Vermögen zerfetzte.
Oh, er war so was von erledigt. Wenn er nicht sofort hier heraus kam.
Er wirbelte herum, drückte sich den Bowler fest auf den Kopf und quetschte sich zwischen den hinter ihm Stehenden hindurch Richtung Ausgang. Aber kaum hatte er ein halbes Dutzend Schritte getan, legte sich eine Hand auf seine Schulter und eine kühle Stimme sagte dicht neben seinem Ohr: “Mister Ferret, nehme ich an.”
Der dünne Mann ächzte und seine Schultern fielen nach vorn. Doch als er den Kopf wandte, entdeckte er zu seiner Verwunderung keinen der strategisch verteilten Schläger Thurgoods, sondern den Herren im grauen Anzug. Allerdings war er jetzt flankiert von zwei weiteren Männern in ähnlicher Bekleidung. Mr. Ferret nickte nervös.
“Sie haben mich beobachtet”, stellte er kleinlaut fest.
Die beiden Flankenmänner grinsten und einer deutete einen Ellenbogenstoß an und zwinkerte. Die schwarzen Murmelaugen des dünnen Mannes wurden plötzlich groß, als er verstand.
“Natürlich”, sagte der Graue Anzug. “Das ist unsere Aufgabe. Mr. Ferret, wir haben Ihnen ein Angebot zu machen, dass Sie, vermute ich”, und dabei blickte er in Richtung der Grube und Thurgoods zurück, “nicht abzulehnen in der Lage oder wenigstens Willens sind. Habe ich recht?”
Mr. Ferrets Blick war auf den Knauf des Gehstocks in der Hand des Unbekannten gefallen und hätte er noch blasser werden können, hätte er es jetzt getan. In diesem Augenblick wusste er, woher er das Gesicht des Mannes kannte. Mit einem sinkenden Gefühl im Bauch nickte er.
“Ausgezeichnet, Mr. Ferret”, sagte der andere und schob ihn in Richtung Ausgang. “Wir haben einen Auftrag für Sie.”
Tags: Die Grube, Mr. Ferret, Orums Lot

Artikel als RSS-Feed
Kapitel als PDF
7 Kommentare bisher