Archiv für März 27th, 2009
Kapitel 1-03
“Ich weiß, was Sie jetzt denken. Aber sie haben unrecht.
Ich besuche diesen Ort nicht, weil ich einer der Verlierer dieser wunderschönen, verkommenen Stadt bin. Weil ich wie so viele ihrer glückloseren Bewohner meine vergeblichen Hoffnungen in das Glücksspiel setze, um meinem Elend zu entkommen. Nur um gerade dadurch unverrückbar in meinem Schicksal am Rand der Gosse festgehalten zu werden. Dem schmutzigeren und verdammt glitschigen Rand, an dem sich der Abschaum sammelt und man jeden Augenblick in der Gefahr ist los gerissen oder getreten zu werden und haltlos endgültig im vernichtenden Strudel des nächsten Gullis zu verschwinden. Nein, meine Beweggründe sind anderer Art. Ich bin aus rein beruflichen Gründen hier. Und fragen Sie nicht, was mein Beruf ist. Ich könnte es Ihnen sagen, aber dann müsste ich Sie töten. Also - um mir die Mühe zu sparen und Ihnen eine Chance zu geben, sich als schlauer zu erweisen als Sie aussehen, überlasse ich den Gegenstand meiner Profession ganz Ihren Spekulationen. Jedenfalls halte ich mich heute hier in diesem paradiesischen Fleckchen von Steamtown auf, um einen Auftrag zu erledigen. Einen Auftrag, der mir…”
“Halt’s Maul, Trottel!”
Der dünne Mann unterbrach seinen inneren Monolog mit der plötzlichen Erkenntnis, dass er einen äußeren Monolog gehalten hatte, ohne sich dessen bewusst zu sein. Ein schneller Seitenblick vergewisserte ihm allerdings, dass der Kerl neben ihm sich zwar gestört gefühlt, jedoch nicht wirklich auf seine Worte geachtet hatte. Erleichtert ließ er die Schultern hängen. Es war eine schlechte Angewohnheit, die Sache mit dem inneren Monolog. Das war ihm klar. Aber er konnte nicht viel dagegen tun. Das passierte ihm jedes Mal, wenn er nervös war. Und zur Nervosität hatte er gerade jeden Grund. Denn einen Auftrag hatte er tatsächlich. Und wenn er diesen in den Sand setzte – er fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen und beschloss, besser nicht über diese Möglichkeit nachzudenken.
Vorsichtig schob er sich von seinem ungehaltenen Nachbarn weg und bemühte sich, so unauffällig wie möglich einen besseren Standort zu finden. Unauffälligkeit fiel ihm nicht sonderlich schwer.
Zum einen, da an seiner Gestalt ohnehin alles durchschnittlich wirkte: der abgetragene Wollmantel, der zu schwer für seine mageren Schultern schien, der fadenscheinige Bowler, der altmodische, braune Anzug, die bleiche Haut, die seine knochigen Hände überspannte.
Zum anderen brodelte um ihn ein chaotisches Gemisch von Gestalten, die in den meisten Fällen ebenso herunter gekommen wie, und nahezu ausnahmslos gefährlicher wirkten als er. Die lärmende, lachende, streitende und grölende Menge um den unscheinbaren Mann war gehüllt in eine fast greifbare Wolke aus beißendem Tabakqualm. Fein abgeschmeckt mit billigem Parfum, dem scharfen Geruch nasser Wolle, der sauren Note von vergossenem Bier und ungewaschenen Menschen und einem deutlichen Hauch von Exkrementen und Tieren.
All das schien er jedoch nicht wahr zu nehmen. Den Kopf samt Bowler tief zwischen die Schultern gezogen schob er sich durch die Menge in den hinteren Teil des Raumes.
Hier war die Luft, wenn möglich, sogar noch stickiger und ein feiner Dampf schien von den feuchten Kleidern der Menschen aufzusteigen. Draußen regnete es, schon seit Stunden. Nein, es war für jemanden wie dem dünnen Mann wirklich nicht schwer, hier unauffällig zu sein.
Eine der mit einem schmierigen Film überzogenen Lampen flackerte und warf ungesunde, grüne Schatten auf die Gesichter unter ihr. Seine Mundwinkel zuckten in so etwas Ähnlichem wie einem Lächeln. Guter Platz. Er schob sich zwischen den Leibern der anderen bis an die Bande der Grube an jene Stelle, die sich direkt unter der flackernden Lampe befand. Das unstete Licht würde den zufälligen Beobachter ablenken und seine Bewegungen zusätzlich verbergen.
Er warf einen schnellen Blick in die Grube, die dieser Lokalität hier ihren Namen gab. Noch war nichts zu sehen, als ein mehr als mannstiefes Kreisrund mit einem Durchmesser von gut acht Metern, ausgestattet mit Sandboden, glatten Wänden und einer rostigen eisernen Brüstung, die Zuschauer am Hineinfallen hindern sollte. Die Luken in diesen Wänden waren im Moment noch geschlossen. Der Mann hob seinen Blick und begann, systematisch das Publikum zu mustern.
Die meisten der Anwesenden waren gewöhnliche Arbeiter der umliegenden Manufakturen, Fabriken und Mietskasernen, die zu einer abendlichen Zerstreuung hier waren; um ihren Tageslohn aufzubessern (oder ihn, was weit wahrscheinlicher war, zu verspielen) und sich sinnlos zu besaufen, um ihr Elend zu vergessen. Abgehärmte, raue, unwichtige Gesichter mit lautem Lachen und resignierten Augen. Hier und da gab es jedoch auch andere.
Dort, der Kerl im tiefgrünen Anzug zum Beispiel.
Die Ringe an seiner Hand waren mehr wert, als all diese Leute hier in einem Monat verdienen mochten. Zusammen. Der dünne Mann musterte die Umgebung des Grünen und nickte. Gleich drei der Gestalten in dessen Nähe konnte er unzweifelhaft als Leibwächter identifizieren. Seine Augen wanderten weiter.
Die hübsche, blonde Frau mit dem Muttermal am Hals kannte er. Constance DeGuin. Und da war auch ihr Bruder, ein schweigsamer Albino, der in gewissen Kreisen als einer der tödlichsten Duellanten der Stadt bekannt war.
Der Besucher im modisch geschnittenen, grauen Anzug und dem Spazierstock gegenüber, auf der anderen Seite der Grube, kam ihm vage bekannt vor. Der dünne Mann beobachtete ihn einige Augenblicke, kam jedoch zu keinem Ergebnis. Jedenfalls – auch dieser Gast sah nach Geld aus. Und allein die selbstsichere Art, wie jener sich bewegte, ließ vermuten, dass er sich zu verteidigen wusste.
Weiter links stand ein Pulk aufgeregt schwatzender Adeliger. Die geckenhaften Herren mimten die souveränen Männer von Welt, die Damen hingegen pressten (vermutlich parfumierte) Spitzentücher vor ihre Gesichter und musterten ihre Umgebung mit einer Mischung aus Abscheu und Faszination. Es war offensichtlich, dass die Gesellschaft zu einem extravaganten Abenteuer in die verruchten Niederungen von Orums Lot herabgestiegen war. Der dünne Man schnaubte. Leichte Beute für Taschendiebe.
Wenige Schritte weiter schließlich fiel sein Blick auf einen bulligen Mann, der aufmerksam zu ihm herüber sah. Teurer, schlecht sitzender Anzug, rotfleckiges, verschwitztes Gesicht, Goldzähne im jetzt aufblitzenden Grinsen. Layton Thurgood. Der Gastgeber der “Grube” - und damit der Betreiber der berüchtigtsten Arena für illegale Tierkämpfe und Wetten von Orums Lot. Nicht zu vergessen sein Arbeitgeber für den heutigen Abend.
Der dünne Mann nickte kaum merklich und hob die Handfläche seiner Linken, wie zum Gruß. Thurgoods Grinsen verbreiterte sich noch um eine Spur. Dann wandte er sich wieder seinem Ehrengast zu, einer in dunklen Samt und Spitze gekleideten Dame, deren verschleiertes Gesicht nicht zu erkennen war.
Der dünne Mann senkte seine Hand wieder und blickte sich verstohlen um. Seine Nervosität nahm noch immer zu.
Wenn er den heutigen Auftrag erfolgreich hinter sich brachte, würde er seine Schulden bei Thurgood beglichen haben. Wäre da nicht dieses nagende Gefühl, das sich wie ein Wurm durch seine Eingeweide zu fressen schien. Von dem unguten Prickeln im Nacken ganz zu schweigen. Er konnte förmlich spüren, dass er beobachtet wurde. Irgendwie glaubte er nicht, dass Heute zu seinen Glückstagen gehörte.

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