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steamtown_bei_nacht_2bVerdammter Nebel! Hartlefield wäre beinahe in einen Laternenpfahl gerannt. Gehetzt blickte er sich um und versuchte, sich neu zu orientieren. Stinkende Schwaden waberten im grünlich flackernden Licht der Laterne und verwandelten alles, was sich mehr als eine Armeslänge entfernt befand in vage Schemen. Augenblicke zuvor war er an der Crickade Street vorbeigekommen. Also musste er sich irgendwo zwischen Tanner Street und Slaughter House befinden.

„Wie überaus passend“, murmelte der untersetzte Mann und stolperte weiter. Wenn er es bis zum Marktplatz schaffte, wäre er gerettet. Dort stand immer ein Polizist. Selbst um diese Nachtzeit und bei diesem Wetter.

Aber bis zum Marktplatz waren es noch zwei Häuserblocks und Hartlefield schnaufte schon jetzt wie eine alte Dampfmaschine kurz vor dem Platzen. Ich hätte mehr Sport treiben sollen, dachte er - und gesünder leben. Vielleicht auch regelmäßiger in die Kirche gehen. Überhaupt: Wo waren eigentlich die ganzen Prediger hin, wenn man sie einmal im Leben wirklich gern gesehen hätte? Tagein tagaus standen sie an den Straßenecken und predigten Nächstenliebe, Armut, und Verzicht. Aber wenn das Wetter schlecht wurde, dann verzogen sie sich lieber in die nächste Kneipe und versoffen die erbettelten Spenden. Dabei wäre das jetzt der geeignete Zeitpunkt, eine gestrauchelte Seele zu retten, die alles tun würde, nur um von dieser verdammten Straße herunter zu kommen.

Irgendwo hinter ihm schepperte etwas auf das Straßenpflaster. Hartlefield zuckte zusammen und beschleunigte das Tempo so gut es eben noch ging. Ruhig Blut, wahrscheinlich bist du ihnen schon längst entkommen. Wahrscheinlich ist das nur ein streunender Hund, der in den Mülltonnen der Schlachter nach Fleischresten wühlt. Hunde waren in dieser Gegend nicht selten. Sie fanden hier immer etwas zu Fressen.

Andererseits waren Hunde in der Regel klüger als Prediger. Bei diesem Wetter hatten sie sich doch schon lange vor Letzteren in irgendwelche geschützten Ecken verzogen. Gott, wie er sie beneidete!

Vor ihm tauchte endlich der Marktplatz aus dem Nebel auf. Irgendwo dort musste der Polizist Wache stehen. Nur wo? Hartlefield dachte einen Moment daran, um Hilfe zu rufen. Dann überlegte er es sich aber wieder anders. Wenn er jetzt laut wurde, verriet er seinen Verfolgern, wo er war. Dann kriegten sie ihn vielleicht doch noch im letzten Moment.

Denk logisch, John W.! Der Polizist steht wahrscheinlich wie immer vor der Baker’s Hall. Die Gilde bezahlte schließlich gut genug dafür, dass man immer ein extra Auge auf ihre Besitztümer warf. Er musste sich nur immer links halten und dann am Brunnen geradeaus laufen.

Wieder hörte er ein Geräusch hinter seinem Rücken. Diesmal ganz in der Nähe. Von wegen Hunde. Die Biester trauten sich doch nicht bis auf den Marktplatz hinaus! Hartlefield schaute gehetzt über die Schulter. Plötzlich stolperte er. Sein Fuß hatte sich zwischen zwei Pflastersteinen verkantet. Er ruderte mit den Armen aber konnte das Gleichgewicht nicht mehr halten. Der Länge nach schlug er auf das Kopfsteinpflaster hin und schürfte sich dabei Hände und Knie auf. Die Luft wurde ihm aus den Lungen gepresst. Hartlefield stöhnte. Einige Augenblicke lang blieb er benommen liegen, ehe er wieder genug bei Sinnen war, um sich aufzurappeln und vorwärts zu stolpern. Immer vorwärts. Nur nicht mehr zurück blicken! Ein paar Schritte und dann hatte er es geschafft. Tränen liefen Hartlefield über die Wangen und mischten sich mit dem Blut, das ihm langsam aus der Nase tropfte. Wo war nur der verdammte Polizist hin?!

Dann lichtete sich der Nebel vor ihm. Im trüben Licht einer Straßenlaterne erblickte Hartlefield die bekannte Silhouette: Schutzhelm, Uniform, Schlagstock. An der Seite baumelten Handschellen und die Dienstwaffe. Dank sei dem Herrn, er war gerettet!

Der Polizist drehte sich zu ihm um und tippte grüßend an seinen Helm. „Sie sind ja völlig außer Atem“, stellte er fest. „Sie hätten mehr Sport treiben sollen, Mister Hartlefield.“

Hartlefield lachte auf. „Das hätte ich wohl tun sollen“, keuchte er. Dann hielt er inne. Was hatte der Mann zu ihm gesagt?

Das letzte, was er in seinem Leben sah, waren die stechenden Augen des Polizisten, als dieser seine Dienstwaffe hob.

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Dieser Eintrag wurde geschrieben am Freitag, März 20th, 2009 um 00:01 in der Kategorie Kapitel 0: Prolog. Reaktionen zu diesem Eintrag können Sie mit dem RSS 2.0 Feed verfolgen. Die Kommentare für diese Seite sind geschlossen.

14 Kommentare bisher

TPF
 1 

Macht Lust auf mehr.
Ein bißchen reibe ich mich am Wort “Dienstwaffe”. Das sagt man umgangssprachlich einfach nicht. Warum baumelt nicht einfach eine Pistole an seiner Seite?

März 21st, 2009 at 13:27
Alex R.
 2 

Neugierig geworden habe ich hier mal reingeschaut. Eins ist mir nicht ganz klar:
Ist das eine Veröffentlichung? Wenn ja: Warum dann im Internet, wo es dann “weg” ist, also unveröffentlichbar geworden? Wenn nein: Warum dann ins Internet stellen, wo eine Runde Lektorat vielleicht nicht die verkehrteste Idee wäre? Versteht mich nicht falsch, aber aus dem Text kann man echt mehr rausholen …

März 21st, 2009 at 18:41
Tom
 3 

Hm. Wie am besten antworten? Es ist eine Veröffentlichung - im Internet. *g* Und zu diesem Zeitpunkt existiert vom Text (nicht vom Hintergrund) exakt und genau das. Und jeden Montag, Mittwoch und Freitag kommt wieder ein Abschnitt dazu. Von einem von uns dreien (und nein, keiner von uns ist auf einen festen Tag abonniert), später vielleicht auch von dem einen oder anderen Gastautoren. Sicherlich lässt sich mit Lektorat eine Menge machen (erfahrungsgemäß geht IMMER was, auch nach dem 4. Durchlauf…) - aber der Trick ist - den Luxus haben wir nicht. Wir wissen nicht, was der jeweils andere schreibt (oder nur in grober Richtung) und erst nach dessen Veröffentlichung entsteht der neue Textteil (oder, um in Rollenspieler-Termini zu sprechen: der nächste “Zug”) - und der muss raus. Stell dir das ganze vor als eine Mischung aus Discovery-Writing, geschriebenem Impro-Theater und Foren-Rollenspiel. Aber auf jeden Fall gilt eines: Für Vorschläge (auch inhaltlicher und stilistischer Art) sind wir jederzeit offen.

März 21st, 2009 at 19:09
Stephan
 4 

Das mit der Dienstwaffe ist eine interessante Anmerkung. Ich habe sogar länger über die passende Formulierung nachgedacht. Da aber selbst uns noch nicht ganz klar ist, auf welchem Technologielevel sich die Stadt genau befindet, gibt uns das Wort “Dienstwaffe” momentan noch mehr Spielraum als “Pistole”. (aber wo ich gerade darüber nachdenke: Einfach nur “Waffe” hätte es wahrscheinlich auch getan ;-)

März 21st, 2009 at 21:09
 5 

Wie wäre es mit einem ganz umgangssprachlichen “Knarre” (klingt nicht so professionell, aber das musste ich mal loswerden) ?
Ansonsten bin ich schreibtechnisch ebenfalls der Meinung, dass man da mehr rausholen könnte… vor allem mehr Spannungsaufbau.

Ansonsten lasse ich mich erstmal überraschen ^^

März 21st, 2009 at 21:50
Carsten
 6 

Das ist eine gute Einstelluung.
;)
Es kommt mit Sicherheit noch mehr…
Spätestens morgen!

März 22nd, 2009 at 10:23
 7 

Erst einmal: Glückwunsch - nun geht es los! Die Daumen sind gedrückt! Ich verstehe mich hier zunächst einmal als “klassischer Leser”. Packt mich der Anfang? Ist es ein guter Plot? Liest es sich gut und flüssig? Alles andere ist - wie immer(!) - Geschmackssache. Ich finde das Projekt toll und spannend.
Auch der Anfang hat mir sehr gut gefallen. Bin halt nur Leser und kein Literaturkritiker - verzeiht…
Über die “Dienstwaffe” bin ich auch gestolpert. Das klingt so beamtisch und nicht “neblig / mystisch”…
Vielleicht: “das Letze, was er sah war das grelle Rotgold des Mündungsfeuers.”?

Ich freue mich auf die Fortsetzung! Wird eine Herausforderung, wenn es alle 3 Tage Neues gibt…
Beste Grüße von Marc alias bilderbuchstimme

März 22nd, 2009 at 11:45
mondelfe
 8 

Sehr interessant. Wenn ich dran denke, werde ich hier weiter lesen.
Echt Klasse, was ihr da auf die Beine gebracht hat.

März 22nd, 2009 at 14:10
Assassin
 9 

Auch von mir: Meinen Glückwunsch zu dem gelungenen Start. Ich bin froh, dass ich (mehr zufällig) den Start mitbekommen habe und - Tom, Du kennst mich ja - dass ich die Gelegenheit nutzen kann meinen Senf dazu zu geben…

Ok.. Die Diesntwaffe… Was ich komisch fand war die Wiederholung. Da hätte ich auch was anderes geschrieben, zumindes beim 2. Mal…

“Das letzte, was Hartlefield in seinem Leben sah, waren die stechend kalten Augen des Polizisten, als dieser seine Waffe hob und abdrückte.”

Wenn noch unklar ist, welche Waffe es genau ist, hier einige Ideen: ganz klassisch eine Pistole, vielleicht so eine altmodische mit Verschnörkelungen.
Eine Bolzenschusspistole, Dampf- und Zahnradbetrieben (die Mechanik nutzt die Energie teilweise zum nachladen des nächsten Bolzen aus dem Magazin).
Eine kleine Armbrust mit automatischer Selbstspann- und Nachlade-Automatik.

CU,
Tobias

März 22nd, 2009 at 14:18
 10 

Ich wäre ja für einen von Dr. Grordborts “unfehlbaren Äther-Oszilatoren”… :-)
Obwohl fast ein bißchen HighTech.

Wie wäre es damit:
http://sketchup.google.com/3dwarehouse/details?mid=a55b918d59c5313fccb705514e5af3f3

März 23rd, 2009 at 10:52
Stephan
 11 

*g* Sehr schönes Modell. Aber sie scheint tatsächlich nichts für den Schutzmann von nebenan zu sein, sondern eher für eine Spezialeinheit (Hm, diese Waffe könnte also durchaus irgendwann noch auftauchen. Mal schaun…)

März 23rd, 2009 at 11:21
Tom
 12 

Eh ich’s vergesse: Danke für das Lob und deinen “Senf”, Ace. Schön, dass du hergefunden hast! die Armbrust. Hm, das bringt mich auf eine Idee… *g*

März 24th, 2009 at 16:19
Albi
 13 

Jetzt hab ich mich von dem schönen Anfang ablenken, und auch von der Dienstwaffe in Beschlag nehmen lassen. => Ich wollte auf jeden Fall mal sagen, dass ich den Begriff “Dienstwaffe” sehr gut finde, weil ein ‘Polizist’ auf einem ‘Marktplatz’, der sich an den ‘Helm tippt’ und einen ‘Schlagstock’ hat (..etc..), ganz passenderweise eine dazugehörige Dienstwaffe besitzt.

Liegt der Fokus des Betrachters vielleicht darin, dass dieses ganze Wort zum einen wiederholt wird; und zum anderen im wichtigen Schluß-Satz; bei dem eigentlich das erklärende Zusatzwort ‘Dienst’ nicht mehr nötig ist, weil man ja schon weiß, dass es eben jene >Waffe< ist, die vorher schon erwähnt (und durch ‘Dienst’ definiert) wurde ..?

(Verzeihung, dass ich mich so einmische, aber prinzipiell wollte ich nur sagen, dass ich “Dienstwaffe” im generellen passend und aussagekräftig im Kontext dieses Menschen finde … ;-) )

März 25th, 2009 at 21:40
Tom
 14 

Okay, zur Kenntnis genommen, Albi. Danke. *g*
Und wir werden das nächste Mal garantiert mehr aufpassen, wenn wir wieder auf eine Dienstwaffe zu sprechen kommen müssen. Versprochen. ;)

März 25th, 2009 at 23:15

Die Kommentare sind geschlossen.